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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 91

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1924-01-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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91 Spanier neigt, was ich für seine Stärke halte, zur Betrachtung von Einzelheiten. Und das ist der Mischna und noch mehr der viel gewaltigeren Masse der Tossefta gegenüber, doch insofern von Uebel, als er für den großen Zusammenhang kein Auge zu haben scheint. Jeder Kenner des Ganzen wird darüber staunen. So konnte es ihm passieren, daß er (S. 34) eine Baraitha Jochanan ben Nuri's nicht bemerkt hat, wodurch eine von ihm für in der Luft schwebend gehaltene Reihe von Satzungen ihre Stütze erhält1. Seine Scholienlehre enthält nichts Bezeichnendes, indem jeder Nebensatz, jede . Bedingung bei Gesetzen wie eine Scholie aussieht. Ich bitte ihn, das von Prof. Bahr und mir he.rausgegebene ״der Mischnatraktat Sota“ zu betrachten und zu sehen, wie straff die Zusammenhänge von M. und T. sind. Schon jetzt mußte Spanier wohl oder übel seine vorn als allgemein zutreffend ausgegebene Losung durchbohren, als er eine längere Stelle in Sebachim (S. 51), später gar die ganze Kodaschimordnung und noch sonstige Traktate entdeckt hat, welche Zusammenhang und Straffheit haben. Ich sage es ihm voraus, diese Stellen werden sich ihm von Schritt zu Schritt vermehren, bis er die Scholienauffassung von selbst aufgeben wird. Es werden viele Bestandteile des Buches dadurch fallen, aber es. wird noch genug übrig bleiben, um die vorliegende Arbeit zu einer tüchtigen zu machen. Und daß noch Aufgaben dem Verfasser zu lösen bleiben, wird er selbst mit mir als ein Glück ansehen. Die wissenschaftliche Arbeit muß uns bleiben, denn der Lebende ist nie fertig. Nur nicht zu früh abschließen!; L. A. Rosenthal. Emil Colin, Judentum, ein Aufruf an die Zeit. Verlag Georg Mliiler, München. 4923. Emil Cohns Buch, ein Anschauungsbuch, ist interessant und lesenswert, wir können ihm aber nicht die Bedeutung beimessen, die der Verf. selbst ihm beimißt. Religion ist Lebensmacht, sagt C., als solche freilich hochbedeutsam. Nur zu rasch aber entarte sie zur bloßen Geistesmacht und dadurch, wie im 18. und 19. Jhd., zum lebensfeindlichen Rationalismus, der sich schließlich gegen die Religion selbst wendet. Mehr als alle anderen modernen Menschen sei der moderne Jude dem Rationalismus verfallen, weil er die letzte Ver^ bindung mit dem Leben, die Verbindung mit seinem Volkstum, gelöst habe. Völlig traditions- und wurzellos.) geworden, sei er ganz und gär ein Spielball des ihn ziel- und sinnlos hin- und hertreibenden Geistes, ohne Eigenleben, ohne Fähigkeit des ״Einverleibens“ der sich ihm darbietenden Kulturelemehte, ohne Tiefe, ohne Größe, ohne schöpferische Kraft. Martin Buber habe zwar dem Rationalismus im Judentum einen schweren Stoß versetzt, aber die Religion nicht als Lebensmacht neu begründet. Bei ihm sei alles B e w״e g u n g und führe nicht zur Lebensgestaitung,. zu jüdischem. Lehen, zu Indischer ״Wirklichkeit“. Zur jüdischen Wirklichkeit gelangen wir nur außer durch den Anschluß an das jüdische Volk und die hebräische Sprache, durch Gläubigkeit, Gebet, ganz besonders aber durch die religiöse Uebung, die rituelle Lebensform. Auf letztere legt der Verf. den stärksten Nachdruck und bei ihr verweilt er mit seinem intensivsten Interesse. Gegenüber der bloß gelegentlichen sittlich heiligenden Tat vermag die religiöse Uebung durch ihre ständige Wiederkehr zu verhindern, daß der Jude zu •einem der Ewigkeit abgewandten bloßen ״Zweckmenschen“ werde. Daher gebe es eigentlich nur eine einzige große jüdische Frage in der Welt: wie können wir die alten religiösen Lebensformen neu gestalten? Nur durch diese werde die Gefahr ver- .mieden, daß die Religion, die Lebensmacht sein sollte, zur bloßen Geistesmacht werde und ins Gestalt- und Seelenlose zerfließe. Nur durch sie erhalte, das Judentum innere Festigkeit, die Fähigkeit des Einverleibens, schöpferische Kraft. Sie seien auch der natürliche Ausdruck des jüdischen Lebens selbst, seines innersten Wesens und.Wollens. Soweit über den Inhalt des Buches. Es hat einen sehr stark ästhetischliterarischen Charakter. Dies hätte aber nicht dazu führen dürfen, von unbestimmten Begriffen auszugehen und unbewiesene Behauptungen zu häufen, da ein Problem die Grundlage des Buches bildet. Seine Begriffe von Leben;und Volk, von Religion als Lebens- und Geistesmacht sind.sehr anfechtbar, 1 Vgl. auch die vorausgehende Bemerkung daselbst.

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