Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Philipp Bloch
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829923-2848555--45550-2848607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Bibliothek und sagte: ״Nur geistige", worauf die Soldaten sich salutierend zurückzogen. Nachdem aber Posen endgiltig vom preußisehen Staat abgerissen und polnisch geworden war, und als infolge davon die meisten Mitglieder seiner Gemeinde abwanderten, entschloß er sich endlich, dem Drängen seiner in Berlin lebenden Kinder nächzugeben und seinen Wohnsitz nach dorthin zu verlegen.' Es war ein schwerer Entschluß für den Neunundsiebzigjährigen, die Stätte seiner Wirksamkeit zu verlassen. In einer würdigen Abschiedsfeier im Gemeindesaal gab er seinen Gefühlen tief bewegten Ausdruck und empfing den Dank der Gemeinde und des Vorstandes für seine fast fünfzigjährige segensvolle Tätigkeit. Im August 1920 siedelte er nach Berlin über, wo ihm die Liebe seiner Kinder und Enkel ein behagliches Heim bereitete. Ein gütiges Geschick fügte es, daß er in Berlin auf fast allen Gebieten bald wieder die Fäden aufnehmen konnte, die er in Posen hatte fallen lassen müssen. Er selbst wurde bald der geistliche Mittelpunkt, sein Haus die Stätte guten Rats und steter Hilfsbereitschaft für die zahlreichen nach Berlin verzogenen Posener. Die geistigen Organisationen, denen er angehörte, konnte er in Berlin als ihrem Zentralsitz in noch höherem Maße unterstützen, als dies in Posen möglich gewesen war, da er allen ihren Beratungen und Sitzungen getreulich und unablässig beiwohnte. Auch seine produktive wissenschaftliche Tätigkeit nahm er wieder auf. Wie in der alten Heimat scharten sich auch hier lernbegierige junge Leute um ihn, mit denen er religionsphilosophische und kabbalistische Studien trieb. Zu seinem achtzigsten Geburtstag am 30. Mai 1921 begrüßten ihn ebenso viele Glückwünschende und Deputationen wie 10 Jahre vorher in seinem Posener Heim. Des gottgesegneten Lebens würdig war sein harmonischer Ab- Schluß. Nach kurzem Krankenlager entschlief er sanft und schmerzlos im Kreise seiner Lieben. Er war auch darin ein Glücksgenoß, daß ihm körperlicher und geistiger Abstieg erspart blieben. Am 7. Februar erfolgte auf dem Friedhof in Weißensee unter großer Beteiligung der Freunde und Verehrer seine Beisetzung. Auf Anordnung des Berliner Gemeindevorstandes fand er seine letzte Ruhestätte an ausgezeichneter Ehrenstelle. Auf seinem Gedenkstein aber hat ehrfurehtsvolle Liebe sein Wesen und sein Lebens werk in den Spruch zusammengefaßt: Lauter, gütig und fromm, so hast du das Leben gemeistert, Was du an Weisheit uns gabst, strahlt von Geschlecht zu Geschlecht.