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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 1 · p. Seite 34

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 1
Article
Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
Date
1922-01-01
Page
Seite 34 (sequence 1)
Language
German
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"׳ 34 Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttame. Von L. Wiesner in Wien. 1. Kapitel: Zweck and Ziel der Ehe — Kindersegen. Die Institution der Ehe wird in der Bibel stillschweigend vorausgesetzt. Das 7. und 10. Wort des Dekaloges hat sie zur Voraussetzung. Die religiöse Pflicht, eine Ehe zu schließen, statuieren die Lehrer auf Grund der in Form eines Segens gehaltenen Worte der Schrift ,,seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“ (Gen 118). Mehrfach wird auch auf das Prophetenwort hingewiesen: ,,Nicht zur Oede schuf er sie“ (die Erde),;,zum Bewohnen bildete er sie" (Jesaia 4518), und daraus die Verbindlichkeit der Ehe- Schließung zum Zwecke der Fortpflanzung hergeleitet1. Die Weisen der Schule Schammais verstehen dieses Wort in dem umfassenden Sinne: der ganzen Schöpfung Zweck, nicht nur. des Menschen allein, war nichts anderes, als Fortpflanzung und Vermehrung2. Die jüdische Ehe stellt sich im Sinne der rabbinischen Lehre als eine Institution dar, welche neben der engsten geselligen und geistigen Verbindung zu dauernder Lebensgemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung in allen Lebensverhältnissen (Gen 218) die Fortpflanzung und damit die Erhaltung der Gattung zu ihrem höchsten und heiligsten Ziele hat3. Auf der Basis ethischer Prinzipien beruhend, greift die jüdische Ehe über die bloße Befriedigung der Sinnlichkeit hinaus und fordert die sexuelle Anlage für den Dienst der kosmopolitischen Zwecke der Schöpfung an. Vermöge ihrer Bestimmung, dem Zwecke der Schöpfung Bestand und Dauer zu verbürgen, entkleidet sie den tierischen Trieb seiner Niedrigkeit und erhebt ihn zu einem ethischen und sittlichen Faktor ersten Rai^ges. Der sogen, ,,böse Trieb“ ist es, bemerkte ein Lehrer in frappierender Antithese, auf welchen das Prädikat ,,sehr gut“ hinzielt, welches der biblische'Bericht unter das vollendete Schöpfungswerk setzt. Ohne diesen Trieb müßte die Erde zur Oede werden, kein Mensch würde ein Haus bauen, keiner eine Ehe schließen und sich fortpflanzen4. Was der Ehe ihre hohe Bedeutung verleiht, ist, daß sie unmittelbar als göttliches Werk erscheint; denn seit der Vollendung des Schöpfungswerkes beschäftige sich Gott einzig und allein mit Eheschließungen, mit anderen Worten: er sorgt durch den der Eheschließung zugrundeliegenden Zweck für die Erhaltung 1Edujoth I., 13, Gen. r. 19, 5. 2 Edujoth I., 13. a 3 Tur Eben haeser Kap. 1. 4 Gen. r. IX, 7, Koh. r. zu III, 2.

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