Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 14)
- Language
- German
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47 Aus H. Graetzens Lehr- und Wänderjähren. täglich von Neuem »vor die Seele, und ich muß mich, wenn ich träumen will, ganz in die Bilder der Vergangenheit versenken, und der kleinste Umstand, der sich auf die Heimat, ja nur auf Preußen, noch mehr aber auf Polen [bezieht], entzückte mich. So tief im Herzen ist die Vaterlandsliebe eingewurzelt«. Hin und wieder kam freilich auch ein Zwischenfall, der die Eintönigkeit unterbrach. Der Meister ehrte den Jünger, indem er ihn bat, die Schlußkorrektur der letzten beiden Druckbogen des »Choreb«, die gerade eingetroffen waren, mit ihm zu lesen. »Welch ein beseligendes Gefühl«, schrieb er am 28. Mai ins Tagebuch, »mit dem Verfasser, dessen Kl ei der säum ich und seine Verehrer küssen möchte, an einem Pulte zu lesen, ja auch berichtigen zu dürfen. Heute Abend zeigte dieser wahrhaft große Mann ein seltenes Beispiel für Religiosität und Judentum. Wir lasen gemeinsam H. Heine’s »Salon«, der voller Blasphemien und מינוח, unter anderem auch Lästerung des heiligen göttlichen Namens, des שם המפורש. Vergangenes Jahr, als ich es in einem Auszug gelesen, scheute ich mich nicht, es auszusprechen, ja, oft nachzuerzählen, welches mich nun vielfach reuet, Aber mein Meister fragte mich: »Wie, müßte man nicht eine קריעה reißen, wie bei גרוף השם, das man mit anhört«? Ich staunte; darauf sagte er, er wolle H.’s »Salon« verbrennen und das Buch dem Bibliothekar bezahlen. Welche Treue!. Gott gebe, daß ich durch dieses Muster zu ähnlichen Handlungen angefeuert werde«! (II, 58f). (Forts., folgt.)