Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Krieg als jüdisches Erlebnis
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 Der Krieg als jüdisches Erlebnis. gewahrt (hing auch überall die »Deutsche Tageszeitung« aus). Ihnen reihten sich einfache Leute an, die. von ihrer Truppe das günstigste, zufriedenste Zeugnis aussagten. Doch wie dem sei, die Heimat trug Sorge, daß Nahrung und Zufuhr dem Judenhasse nicht entschwand. Gleichgültig, ob politische Tendenz der Gegner äich des willkommenen Stoffes bemächtigte, ob anstößiges Handeln beklagenswert vieler Juden das Gerede von Wucher und Drückebergerei aufrecht erhielt — der Antisemitismus hätte aufleben müssen, wäre er im Felde erstorben. Er erweiterte den Spalt, der, anfänglich vielleicht unbewußt und geringfügig, gähnte. Er riß ihn mancherorts so weit auf, daß der jüdische Kamerad, schloß er nicht das Auge, um sich zu belügen, sich isoliert, sich vereinzelt dünkte. Die Krönung des judenfeindlichen Treibens, der kriegsministerielle Erlaß, die jüdischen Soldaten zu zählen und ihre Verwendung im Heer durch Umfrage festzustellen (der untilgbar schmählichste Schimpf, der unsere Gemeinschaft seit ihrer Einbürgerung schändete) — bedarf es eines Satzes über ihre Wirkung auf den, der, seines Judentums leise bewußt, einen Funken Ehrgefühl besaß? So fügte'sich eines zum änderen. Die Glieder wurden geschlangen, bis eisern die Kette geschmiedet war, in Weißglut gehämmert, unzerreißbar gestählt. Es kristallisierte sich, was den Krieg zum jüdischen Erlebnis *gestaltete. Widerspruch und Abstoßung erzeugten den kraftvollen Gegendruck. Die Verneinung zersetzte sich, bis ein Bejahendes sich niederschlug. Aus der Gärung quoll, was, farblos und inhaltlich noch unbestimmt, heißen darf: der Wille zum Judentum. Was füllt den Ausdruck, und auf welche Sphäre erstreckt er sich? Deckt ihn der Begriffskomplex, den Denkgewöhnung und Sprachgebrauch mit dem jüdischen Namen verknüpfen? Oder sprengt er den Rahmen des rein Religiösen, reicht hinaus über Glauben und Frömmigkeit? Es wäre reizvoll, um auf den Grund zu gehen, etwas über den Zusammenhang einzuschieben, der Krieg und Religion verbindet. Allein ich fürchte, die Erörterung führte zu weit, weshalb der Aufschwung* der von der Mobilmachung ab Kirchen und Synagogen