Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Krieg als jüdisches Erlebnis
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Der Krieg als jüdisches Erlebnis. bewahrte sie das Gemütsleben vor dem Zusammenbruch. Ihr dankte es der Kämpfer, daß er nicht dem Wahnsinn verfiel — obschon er darum, von der Masse umschlossen, die ihn vorwärts trieb, von dem Befehl geleitet, der ihm die Richtung wies, nicht alle Aktivität einbüßte. Zugleich aber erwuchs in ihm jene Zurückhaltung, die Schwatzen und Prahlen verpönte — der prachtvolle Typus schweigsamer, tätiger Pflichterfüllung im Gegensatz zum schwindelhaften, übertreibungssüchtigen Kriegskorrespondenten. Und deshalb empfiehlt es sich, will man aus sachlichem Motiv das Erlebnis derer im Felde erkunden, sich lieber an einen zu wenden, der mitten in den Dingen stand und doch schon dienstlich über sie hinausragte, zuinnerst mit ihnen verknüpft, von ihnen berührt und ergriffen und dennoch von Amts wegen bereits verpflichtet, einen Abstand der Loslösung, der Betrachtung zu gewinnen. Frei von Überhebung, der Grenzen und Kautelen bewußt, glaube ich die Eignung mir zuzuschreiben. Vier volle Jahre versah ich die Befugnis eines Feldgeistlichen, lebte im Kampfgebiet, durchstreifte die Etappe, gelangte in regelmäßiger Bereisung innerhalb eines ganzen Armeebereichs von Ort zu Ort, trat den Kameraden bei Gottesdiensten und Feiern näher, sprach sie, von Unbilden mitgenommen, aufs Krankenlager gestreckt, von Todeswunden zerfetzt'; wie viele kamen aus freien Stücken zu mir, erblickten sie unten am Hause mein Schild, ihr Herz zu erschließen und auszuschütten! Mit der Achtung, die ihnen gebührt, der Bescheidung, die mir zukommt, will ich in großen Zügen eine zusammenfassende Schilderung anstreben: Wie senkte sich der gewaltige Krieg in die Herzen deutscher Juden, da sie dem Rufe ihres Staates, dem Banner seines Heeres folgten? An erster Stelle bleibt die Frage nicht aus: faßte der Durchschnitt •des jüdischen Soldaten das, was eigentlich zum Kriege gehört; die Kampfhandlung also im eingeschränktesten Sinn, ebenso auf wie sein Kamerad, der, anderen Ursprungs und anderen Glaubens, neben ihm stand? Man wird den Unterschied nicht schlankweg bestreiten, wird seine Möglichkeit nicht von der Hand weisen. Wie lange entwöhnten Zwang und Abgeschlossen-