Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 Besprechungen. anderthalb Jahrtausenden dasselbe gesagt hat, nur mit anderen Worten »Wer den Götzendienst ableugnet, heißt Jude«. Herr R. hat die jüdische Literatur um eine Schrift bereichert, deren Lektüre wohl geeignet ist, einen nicht mehr ganz sattelfesten Juden, an den die Trützschlersche Einladung erginge, zu ihrer entschiedenen Ablehnung zu bestimmen. Ich will jedoch nicht verhehlen, daß mir einige Stellen in dieser Schrift gegen den Strich gehen. Herr R. sagt im Anfänge, daß er zur Abfassung seines Briefes »die stille Muße dieses dreifach ernsten, kriegszeitlichen und frühlingsarmen Karfreitags« benützen wolle (S. 9), und er bemerkt am Ende, daß der Brief »nun schon den freundlichkühlen Ostersonntag überdauert« (S. 39). Ich habe gewiß nichts gegen den Gebrauch der christlichen Benennung dieser Tage einzuwenden. Daß sich aber Herr R. ihrer in diesem Briefe bedient, und insbesondere den Karfreitag unterstreicht, mutet mich seltsam an. Befremdlicher noch ist folgende Stelle: »Vielleicht haben Sie in meinen Schriften gelesen. Dann wissen Sie, daß ich auf dem Boden der Evangelien stehe« (S. 28). Und auf welchem Boden stehen die Evangelien? Herr v. T. macht gar kein Hehl daraus, daß nach seiner Meinung dieser Boden auf einem höheren Niveau liegt, als das Judentum. Das kann doch die Ansicht des Herrn R. nicht sein. Er will nur sagen, wenn ich ihn recht verstehe, daß er, obwohl Jude, oder besser: weil Jude, auf demselben Boden (sc. der Sittlichkeit) stehe, auf dem die Evangelien sich befinden. Durch ein paar Worte mehr oder anders, hätte sich also der seltsame Eindruck, den der Satz, wie er dasteht, macht, vermeiden lassen. Nr. 3. Die Schrift des Herrn Bernstein beschäftigt sich mit einer jüdischen Frage: »Von den Aufgaben der Juden im Weltkriege«. Hier kann ich mich kurz fassen, denn von dieser Schrift kann man, ähnlich wie von den sybillinischen Büchern sagen: das letzte Blatt wiegt die ganze, übrigens in allen ihren Teilen interessante Schrift auf. »Wie immer sie (die Juden) es mit der Religion halten, wie innig sie mit der Nation und für die Nation empfinden mögen, der sie als Mitbürger zugehören, mit wie großer Anhänglichkeit immer sie das Bewußtsein ihrer Stammeszugehörigkeit wegen erhalten mögen, so ziemt es ihnen doch, neben dem Landes- und Stammespatriotismus das weltbürgerliche Empfinden hochzuhalten, um durch dieses zu läutern und zu veredeln. Nicht, weil sie die Gewalt nicht ausüben können,