Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 33 (sequence 21)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 38 Wesen,‘ gut gekleidet, weltlich abgeschliffen; arrogant, wo sie es sein konnten, kriecherisch, wo es nötig war. Sie hatten ein nettes, kleines Talent zu häßlichen Gesellschaftsintrigen, und gegen Häuser, die sich ihnen verschlossen, die zähe geheime Rachsucht ihrer Rasse. (Das ist ein Fortschritt vom Stamme zur Rasse.) Junge Herren verteidigten sie hitzig; Damen lehnten sie möglichst ab. Man heiratete sie nicht . . . aber man liebte sie (will sagen: als Halbweltsdamen etwa). Immer sprach man über sie; immer artete ihre Bekanntschaft mit Herren zu zwangloser Intimität aus. Große, etwas wilde Frisuren, die Haarwellen tief in die Stirne, lose über die Ohren. Die Ältere schon etwas schlapp in den Zügen, um Kinn, Nase und Mund das Typisehe ihrer rasch verblühenden Rassen Schönheit. Die Jüngere schlank, gut dressiert (von dress-Kleidung zu verstehen), eigenartig hübsch, trotz (?) krausen schwarzen Haars und der Anlage zur Rückenrundung (da haben wirs). Beide waren sie affektiert, blinzelten durch Lorgnetten, wiegten sich in den Hüften. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht liefen auswahllos die Jünglinge der Stadt aus und ein bei den Schwestern. Oder sie (die Schwestern) standen am Gitter und spähten aus nach Verehrern. »Wenn die Herren unten pfiffen, kamen die Dämchen lammfromm herab«. Und mit diesen »Dämchen« verkehrt die Aristokratie der Stadt! »Ja, frech, das waren sie, die Girls. Ihr eigentlicher Beruf war es, sich anfzudrängen, anzuheften«. Es ist ein, wie man sieht, mit keineswegs christlicher Nächstenliebe gezeichnetes Bild, das außerdem ganz überflüssig und nur ad hoc angebracht wird, denn die Schwestern haben im Roman bloß den Zweck, daß sie der Heldin, der Tochter eines alten, würdigen Offiziers aus den besten Kreisen — als Vorbild dienen. Es ist abermals der reine Antisemitismus der adeligen Verfasserin, der die bösen Juden die Gegner der höchsten Güter der Menschheit sind, und ich bedaure das umsomehr, als die Gräfin Salburg sonst in zahlreichen Romanen mit Begeisterung für Recht, Freiheit und Wahrheit kämpft. (Fortsetzung folgt.) Monatsschrift, 59. Jahrgang 8