Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der jetzige Weltkrieg und die Bibel
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Der jetzige Weltkrieg und die Bibel. eine sittliche, eine religiöse Bedeutung zugeschrieben werden. Wer aber so dächte, befände sich in einem großen Irrtum. Auch die Bibel hat ihre Kriegskunst, ihre Kriegsbegeisterung, ihre Kriegs- Verherrlichung. Man hört es in ihr zuweilen donnern und dröhnen wie von fernen Geschützen. Allerdings verlautbart sich die Stimme Gottes in einer Vision des Propheten Elias nicht im Feuer und nicht im Erdbeben, sondern als ein sanftes, leises Säuseln. Das ist allerdings nicht die Sprache der Kanonen. Hinwiederum heißt es aber in den Psalmen: »Die Stimme Gottes bricht die Gedern, die Cedem des Libanon zerbricht Gott. — Die Stimme Gottes schlägt Feuerflammen hervor. — Die Stimme Gottes macht zittern die Wüste und entblättert die Wälder.« Meint man in dieser Schilderung nicht das sinnebetäubende, alles zermalmende Krachen der Mörser zu vernehmen? & Sagen wir es nur heraus: die Bibel hat neben dem hochgepriesenen Frieden auch dem Kriege seine berechtigte Stellung, seine sittliche, ja geradezu eine göttliche Bedeutung zugewiesen. In jenem Triumphgesang, den einst Moses und das Volk Israel nach dem Auszuge aus Aegypten und nach dem Untergang Pharaos und seines Heeres angestimmt haben, in jenem rauschenden und berauschenden Liede, das Johann Gottfried Herder voll Bewunderung als den eigentlichen Endzweck des ganzen Auszugsberichts bezeichnet, wird Gott als »Kriegsmann« gefeiert. Die Bibel sagt aber mehr. Er, der Urquell des Friedens und der Spender dieser beglückendsten, beseligendsten Gottesgabe, wird in den Psalmen sogar als Lehrmeister des Kriegs besungen, und der Dichter rühmt von ihm: »Er übt meine Hände für den Kampf, meine Finger für den Krieg.« Die Bibel ist also die älteste Kriegsschule. Trotzdem kann man der Bibel wegen dieser zugleich dem Frieden und dem Kriege gewidmeten Lobpreisung nicht den Vorwurf des Widerspruchs machen, und ich glaube den Beweis für diese Behauptung kürzer und einleuchtender, als auf dem Wege der Argumentation, durch Vorführung eines kleinen, aber