Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 1)
- Language
- German
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102 Besprechungen. Philippson Ludwig, Gesammelte Abhandlungen. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock. VIII u. 1911. Bd. 1, 391 S., Bd II, 486 S. 8. Eine würdige Festgabe zu dem vielfach in den jüdischen Gemein den Deutschlands begangenen hundertjährigen Geburtstag Ludwig Philippsons hat sein, als Herausgeber freilich nicht genannter Sohn Martin gespendet, nämlich eine Auswahl aus den Aufsätzen, welche der Vater in der von ihm begründeten und geleiteten »Allgemeinen Zeitung des Judentums« und in seinem Buche »Weltbewegende Fragen in Politik und Religion« (Leipzig 1868—69) veröffentlicht hatte. Die Sammlung liegt in zwei trefflich ausgestatteten, stattliehen Bänden vor. In einem Anhang gibt außerdem Hermann Cohen eine überaus anerkennende Darlegung der Bedeutung, welche Philippsons Doktordissertation zur Geschichte der physiologischen Anthropologie in der griechischen Philosophie beanspruchen durfte. Cohen findet dabei treffende Worte für die allgemeine Bedeutung Philippsons und wünscht mit eindringlicher Wärme, daß dessen Vorbild in der Vereinigung der Mitarbeit an der allgemeinen Kultur wie zugleich am Judentum wirksam bleiben möge. Solches Vorbild hat als erster in Deutschland bekanntlich Moses Mendelssohn gegeben, und ich habe in einem zu Berlin über Ludwig Philippson gehaltenen Vortrage darauf aufmerksam gemacht, daß dieser überhaupt im Grunde genommen als ein Ausläufer der ganzen Mendelssohnschen Schule zu betrachten ist. Dies zeigt sich auch in seinen Abhand־ langen, die in Inhalt und Form gleichsam den Measfimgeist in einer vorgeschrittenen Stufe wiedergeben. Es ist Populärwissenschaft, Populärphilosophie, die in ihnen vorherrscht. Die Kunst, Ergebnisse der Wissenschaft und des Denkens in anziehender, faßlicher Dar- Stellung einem größeren Kreise zugänglich zu machen, zeichnet sie vorzüglich aus. Nicht so sehr in der Gedankentiefe, als in der Gedankenklarheit und -Schönheit liegt ihre beste Wirkung; weniger in der wissenschaftlichen Stofförderung, als in der Stoffbeherrschung und -Verarbeitung sind sie meisterhaft. Es kommt hinzu, daß Ludwig Philippson zugleich ein Meister der praktischen Erfahrung war. Sein praktischer Blick hat etwas Geniales an sich. So trifft er auch mit seinen Abhandlungen stets Lebensfragen seiner Zeit und vielfach noch der unsrigen, und die Arbeit für seine Zeitung führte ihn erst recht zur Behandlung brennender Fragen. Der Kampf für die jüdische Religionsauffassung im Gegensatz zur christlichen, die Verteidigung der religiösen Weltanschauung gegenüber der atheistisch-materialistischen, das unerschrockene Eintreten für die bürgerliche und moralische Anerkennung des Judentums und seiner Bekenner — das alles stand und steht noch vielfach im Mittelpunkt der Tages- und Lebensfragen, und für dies