Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 53 (1909)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 5)
- Language
- German
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118 Besprechungen. gelesen und studiert wurden, ging von jeher ein mündlicher Kommen״ tar zur Seite. So lebte die Lehre im Volksbewußtsein und pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht bis auf den heutigen Tag fort. Diese Überlieferung im Volke besaß solches Ansehen, daß beispielsweise bei strittigen Fragen der Rabbinen die Formel sich eingebür״ gert hatte: »Geh hinaus und siehe, wie der Brauch des Volkes ist,« beiläufig die beste Widerlegung der zu Gunsten des Christentums künstlich konstruierten Unterscheidung von Volksfrömmigkeit und Schriftgelehrtentum. Gerade diese Volksfrömmigkeit bildete denhisto» rischen Untergrund für Mischna und Talmud und manche Züge des N. T. — Auf diese volkstümlichen Überlieferungen nehmen schon die ältesten h. Bücher Bezug, und ohne sie ist die Tora nicht vollständig, die vielmehr ergänzt wird durch die mündliche Tora. Ihr literarischer Niederschlag ist der Talmud, dieses vielgeschmähte heilige Werk eines Jahrtausends. Freilich ist nicht alles in diesem Sammelwerke gleichwertig. »Wenn mit Recht verlangt wird, daß man nicht die Austreibung böser Geister als zum Wesen der Evangelien fae« trachte, so wird man mit noch größerem Rechte für ein so kolossales Schriftwerk, wie der Talmud es ist, das Zugeständnis fordern dürfen, daß er nicht für alles und jedes in ihm Abgelagerte, seinen prim zipiellen Standpunkt gar nicht Berührende, verantwortlich zu machen ist.« Sein Prinzip ist, daß die schriftliche Tora durch die mündliche gestützt und fortgebildet wird, die der Ausfluß derselben göttlichen, nie unterbrochenen Einwirkung ist, der jene ihre Entstehung verdankt. Seine Lehrer sind die oben geschilderten Pharisäer und Rabbinen, die weit davon entfernt waren, eine Knechtung durch den Buchstaben zu erstreben, wohl aber mit Erfolg der jüdischen Gesamtheit die Kraft anerzogen haben, allen feindlichen Mächten Jahrtausende hindurch zu widerstehen. Dies ist im wesentlichen der Inhalt der beiden ersten Kapitel des interessanten Buches. Sie bilden die Voraussetzung des ganzen Werkes, weshalb wir mit größerer Ausführlichkeit sie skizzieren zu müssen glaubten. Über die folgenden Abschnitte dürfen wir kürzer sein. —־ Im dritten Kapitel wendet sich der Verfasser gegen die Ansicht, daß die jüdische Religion aus dem Banne nationaler Beschränktheit erst durch das Christentum erlöst worden sei. Den Juden ist ein Wort wie das griechische ß'Apßapo^ fremd, das Wort גרי wird z. B. auch in der Verheißung an Abraham angewendet. Daß der Grundan, daß davon in den auf den Kanon bezüglichen Diskussionen der Schriftgelehrten keine Spur sich finde, obwohl viele Überlieferungen auf die Zeit Esras zurückgehen.