Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 53 (1909)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte und Beurteilung der Juden vom XV. bis XIX. Jahrhundert
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Zur Geschichte und Beurteilung der Juden vom XV. bis XIX. Jahrh. Karolinens Versöhnungsmährlein hatte die leidenschaftliche Erregung zur Grundlage, in die, wie viele Andere, Gleim durch den Übertritt Friedrich Leopolds Grafen zu Stolberg, des bekannten Schriftstellers, vom Protestantismus zum Katholicismus versetzt worden war. Der Weimarer Vizepräsident des Oberkonsistoriums und Superintendent aber, Johann Gottfried Herder, schrieb — die konfessionelle Beschränkung im Mährchen seiner Frau zu Gunsten der Menschheit tilgend — seinem Freunde Gleim: »Was geht Sie der verirrte, oder kranke Stolberg an! Hat jeder nicht sein Gewissen, seine Religion frei?«1). Unter dem Andenken an den lichtverklärten Apostel der Humanität, der so ge־ schrieben Hat, an den tapferen leidenschaftlichen Wahrheits־ kämpfer, an den großen Forscher und Darsteller, dessen schönheitfindende Seele Gott und dem Universum und der Gewißheit der Entwickelung diente, der Vergangenheit unseres Volkes in einigen Perioden zu gedenken, ist erhebend, beruhigend und stärkend. Hat jeder nicht sein Gewissen, seine Religion frei? Die anmutreiche Szene, in der Recha ihrem Pflegevater, dem weisen Nathan, erzählt, ein sichtbarer Engel habe sie vor dem Feuertod in seinem Haus errettet, es sei ein Wunder an ihr geschehen, und Nathan dieses Wunder in die für Jerusalem alltägliche Erscheinung eines Tempelherrn personifiziert, diese Szene schenkt uns auch das weltweise Bekenntnis Lessing-Nathans: »Der Wunder höchstes ist, Daß uns die wahren ächten Wunder Alltäglich werden können, werden sollen.« Gibt es nun, in aller Geschichte, ein Volk, auf das dieses Wort in höherem Grad angewandt werden könnte, als das jüdische? Daß wir in vielen Ländern — jeder nach seiner Entwicklung und Bestimmung — trotz aller da und dort herrschenden kaltblütigen und höhnenden Verfassungs- *) Ebendaselbst S. 57/58, Anmerkung 1.