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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1902-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1902) · p. Seite 96

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
46 (1902)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1902)
Article
[Rezension]
Date
1902-01-01
Page
Seite 96 (sequence 3)
Language
German
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96 Besprechungen. Geächtet Volk, ich zeige dir die Stege Aus Hass und Hohn zu deiner Jugend Glück, Verlor’ner Stamm, ich weise dir die Wege, Und deiner Wege Losung heisst: ״Zurück l“ Zurück zur Schönheit einst gesung’ner Psalmen, Zurück zum heil’gen Bach bei Anathot, Zurück zu deiner Heimat Balsampalmen, Zurück zu deinem alten grossen Gott! Gewiss ist es nur einem wahren Dichter gegeben, fremdes Leid und fremde Sehnsucht so warm nachzufühlen und auszasprechen. Doch kann ich meine Besprechung nicht schliessen, ohne darauf hinzuweisen, dass dieser Grundgedanke des Buches zugleich sein Grundirrthum ist. Es ist der Irrthum aller Romantik, die, durchdrungen von dem poetisehen Zauber der Vergangenheit, diese Vergangenheit wieder zur Gegenwart machen möchte und damit etwas Unmögliches erstrebt. Aber dieser Zauber des Gewesenen ist nur der Duft, der die Ferne verhüllt und verklärt, — eine Ferne, die in der Nähe kaum poetischer gewesen sein wird, als alle Wirklichkeit, und die wir ausserdem niemals erreichen können, weil sie nicht vor uns, sondern hinter uns liegt. Alle Entwicklung geht vorwärts. Weder im Leben der Natur, noch in dem menschlicher Einzelwesen oder ganzer Völker giebt es ein ״Zurück“. Die Pflanze kann nicht in die Erde zurückkehren, in der es dem Samenkorn wohl war, und der erwachsene Mensch wird nicht wieder zum Kinde. Er denkt wohl mit Ehrfurcht der Eltern, mit Wehmuth des entschwundenen Jugendgliiekes, aber nur sehr Wenigen würde das ״Glück der Jugend“ im späteren Lehen noch Genügen bieten, selbst wenn es ihnen noch erreichbar wäre. So würden die Deutschen des 20. Jahrhunderts sich sonderbar berührt fühlen, wenn etwa ein Hörner von heut, den die ״Germania“fdes Tacitus begeistert hätte, ihnen anempfehlen wollte, jenen Urzustand wieder zu erstreben, der vor 2000 Jahren dem Kindheitsalter seines Volkes angemessen war. Wir Juden machen aber ebenso wenig eine Ausnahme von dem allgemeinen Gesetz der Entwicklung. Mit jenen vergangenen Zeiten, deren Bild wir alle wehmüthig verklärt in der Seele tragen, hängen wir nur noch zusammen, wie die Pflanze mit ihrer Wurzel, wie der Erwachsene mit den Erinnerungen seiner Kindheit. Auch für uns giebt es kein ״Zurück!“ Hinter uns liegt ein langer Weg der Leiden, der Erfahrung und Erkenntniss, den wir nicht umsonst ge gangen sind und sein wollen. Den ״alten grossen Gott“ aber brauchen wir nicht in' der Vergangenheit zu suchen, denn er ist uns unverlierbar für alle Zeiten. Marie Landmann. Unberechtigter Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift ist untersagt. Für die Redaction verantwortlich: D1\ M. Braan, Breslau. Druck von Adolf Alkalay & Solm, Pressburg־;

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