Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1902)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. 95 Texte zu rechtfertigen. Mir scheint aber doch, dass dies nicht in genügendem Masse der Ball ist. Sie sind in Inhalt und Ausführung bizarr, bleiben zum Th eil dem unbefangenen Beschauer räthselhaft und schiessen so über ihr Ziel, die den Dichtungen gemässe Stimmung hervorzurufen, hinaus. Ich gestehe, dass ich sie gern ganz vermissen und dafür nur die schönen Bandzeichnungen behalten würde, die dem Buche wahrhaft zur Zierde gereichen. Meist sind es Pflanzen-Ornamente, zu denen sinnig die Pflanzen des heiligen Landes verwendet wurden, (obgleich dies nicht überall durchgeführt scheint). Die Umrahmung des ersten Gedichtes wird in origineller Weise von charakteristischen Männorkopfen gebildet — wie ich mir sagen liess, sämmtlieh Porträts jüdischer Weisen und Gelehrten aus der Vergangenheit und Gegenwart. Die Gedichte könnten übrigens wohl die begleitenden Bilder um so eher entbehren, als sie seihst in hohem Grade stimmungsvoll sind. Was aus ihnen spricht, ist ein tiefes und starkes Gefühl, das auch dem Leser oder Hörer sich mittheilt, und dem man anmerkt, dass der Dichter mit liebevollem Ernst sich in den Geist der heiligen Schrift versenkt hat, aus der er theiis unmittelbar die Stimmungen und Stoffe seiner Gedichte seböpft, theiis die Anregung findet, nachbildend oder weiter entwickelnd selbständig zu gestalten. Nicht immer sind Ausdruck und Darstellung ganz einwandfrei; mir scheinen sie manchmal gesucht und schwülstig, doch ist mit dem Künstler über das, was sein persönlicher Stil ist, nicht zu rechten, so lange derselbe dem Object angemessen und uns verständlich bleibt. Am besten gefallen hat mir das Gedicht, das am schlichtesten in Sprache und Darstellung ist, ״Die Hexe von Endor“. Bern er möchte ich als hervorragend schön nennen ״Rahab, die Jerichonitin“, ״Simson“ und ״Mose“. ״Zu Fremdlingen waren wir worden im fremden Land, Schamröthe der Knechtschaft hatte die Stirne uns verbrannt, Uns hatten Heimwehthränen die Wangen gebleicht, Uns hatte das Brot des Elends der Hunger gereicht. Da i9t uns ein König gekommen in Feuer und Geist, Da ist uns ein Führer geboren, der Mose heisst, Ein Helfer hat sich erhoben, der hilft uns schnell, Jehovas Prophet ist erstanden in Israel“. Diese schönen und tief empfundenen Verse seien als eharakteristisch hier angeführt. Eine besondere Betrachtung erheischt das Widmungsgedicht ״Euch“ insofern, als es nicht nur hervorragend schön ist, sondern den leitenden Gedanken des ganzen Buches zum, Ausdruck bringt. Mir klang aus weiter Eerne her ein Rufen, Des Halljahrs Hörner bliesen heimwehstark, Ich sah im Osten Zions Tempelstufen, Da griff ein Sehnen mir in’s tiefste Mark. Und wie ich ging des alten Volkes Pfade, Da stiegen greise Schatten aus dem Grund, Da klang die Erde, und des Ew’gen Gnade That meinem Ohr verschollne Lieder kund.