Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1902)
- Article
- Die neueste Construction der jüdischen Geschichte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Die neueste Construction der jüdischen Geschichte. Schaft will durch Gründe überzeugen, aber nicht durch Grobheit niederschreien, die Forschung soll falsche Anschauungen durch Beweise widerlegen, aber nicht durch gehässige Ausfälle ihre Vertreter yerächtlich machen. Die Schwertstreiche im Kampfe für das Gesetz vollends dürfen nicht verwunden und nicht verletzen, vergiftete Pfeile dürfen im Streite für die Lehre des Friedens nicht zur Anwendung kommen. Diese Buhe und Würde der wissenschaftlichen Discussion. hat Herr Halevy in der vorliegenden Schrift verlassen ob seine Masslosigkeit, die seit Jahrzehnten in der jüdischen Litteratur nicht ihres gleichen findet, ihm durch wissenschaftliche Ueberlegenheit eingegeben ward, das wird die folgende Erörterung lehren. I Haie vy’s Methode. Herr Halevy besitzt eine ausserordentliche Belesenheit im Talmud und in der halachischen Litteratur, wie sie im westlichen Europa immer seltener wird. Es soll hier sogleich rückhaltslos anerkannt werden, dass das Buch auf diesem Gebiete manches Neue bringt und die Aufmerksamkeit auf Stellen lenkt, die der Beachtung bisher entbehrten; vielfach freilich wird noch zu untersuchen sein, ob diese Zusammen- Stellungen, die dem Wissen des Verfassers E h r e machen, der Wissenschaft auch wirklich Nutzen bringen. Und ferner ist es noch fraglich, ob überhaupt diese einseitige talmudische Bildung zur entscheidenden Lösung historischer Fragen befähigt. Die Zeiten, in denen die Belesenheit im Talmud gleichbedeutend war mit der Kenntnis sämmtlicher Wissenschaften, sind endgiltig vorüber. Wer als Historiker heutzutage Tüchtiges leisten will, muss — ganz abgesehen von der Kenntnis der stark angewachsenen nichthalachischen jüdischen Litteratur und der zahllosen vielsprachigen externen Quellen— über eine gute und sichere Methode verfügen. Als erstes Erforderniss dieser dürfen wir philologische Akribie und kritischen Tact in der Benutzung der Quellen hervorheben. Blickt jemand auch nur auf das erste Blatt des vorliegenden Buches und sieht, in wie ungenauer Form die Namen von Graetz und Bapoport sowie der Titel des viel citierten Weiss1schen Werkes wiedergegeben sincj3 so hat er sich bereits ein Urtheil über diesen Punkt gebildet. Derartiges hervorzuheben wird mancher kleinlich finden; wenn ich aber hinzufüge, dass bis auf verschwindende