Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 31 (1882)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Karäische Studien
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Karäische Studien. ־ / zur Darstellung bringt, beharrt der Karäismus — nicht sowohl auf dem Gebiete der Schriftauslegung und der Ausgestaltung des Religionsgesetzes, wo denn doch bei den bedeutenderen Lehrern ein gewisser Individualismus nicht zu verkennen ist, als wie auf dem Gebiete der Religionsphilosophie — träge und regungslos bei dem einmal Angenommenen, bis ein allmächtiger Gedankenruck selbst die Widerwilligen zwingt, sich einiger Maaßen dem Neuen zuzuwenden. Je tiefer man in den Karäismus eindringt und je mehr Einzelnheiten seines literarischen Bestandes man kennen lernt, desto mehr erkennt man dieses eigensinnige Alterthümeln, dieses Sichversperren gegen den geistigen Lufthauch, der draußen wehet *). Wie das Karäerthum im Mor- י) Gienge uns die Sache nicht so nahe, dann müßte die im östlichen Nachbarreiche seit lange schon beliebte Betonung der ״Staats freundlich keit" der Karäer gegen die angebliche Accomodationsunfähigkeit der Rabbaniten auf den Kenner des karäischen Geisteslebens einen possirlichen Eindruck machen. Man wird von uns nicht erwarten, daß wir den maßgebenden Behörden in St. Petersburg die Stellen in karäischen Handschriften bezeichnen, aus denen sie ihr für die Karäer so schmeichelhaftes Urtheil, das noch immer in Rußland mit einer Verurtheilung der Rabbaniten Hand in Hand gieng, berichtigen könnten; aber dessen können wir uns nicht enthalten, an einer Probe zu zeigen, wie der ehrliche, naive Karäismus es versteht, seine A.ccomodaüon an den modernen Staat so aufzufassen, daß der Staat ihnen alle Rechte gewähre, ohne daß er dagegen die hauptsächlichste Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen, die Leistung der Blutsteuer zu gewähren gesonneu ist. In den ehemals in Wien erschienenen Jahresheften כוכבי יצחק zog sich durch die Jahrgänge 28—35 ein Briefwechsel zwischen Herrn Joseph Lörvy in Groß-Kaniza in Ungarn und dem Chacham der karäischen Gemeinde in Halicz in Galizien, Joseph Leonowitsch. Dieser giebt sich darin als ein harmloser und gutmüthiger Mann zu erkennen, und seine Naivetät bürgt für die Echtheit und Unverfälschtest.seines karäischen Standpunktes. — So z. B. tritt u. A. auch im 29. Jahrg. S. 35 die dünkelhafte Ueberschätzung des עץ חייבם Aaron b. Elia's bei den Karäern ganz unverhüllt in den Worten zu Tage: אשר העמיק הרחיב נקבי שכיות ההמרה יותר ויותר מן ספר מורה נבוכים. — Wir erfahren, daß Leonowitsch im Gememdeausschuß der k. k. Freistadt Halicz, bisweilen sogar über Andersgläubige zu Gerichte, sitzt, daß die karäische Gemeinde also im Vollgenusse der politischen Rechte sich befand zur Zeit, als der Brief geschrieben