Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1)
- Language
- German
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16 Herder's Bibelexegese. Kerder's AibeleLegese- Das Zeitalter der Aufklärung zog nicht so streng und scharf die Grenzen zwischen der populären belletristischen und der unssenschaftlichen Darstellung, als es heutzutage besonnene und geschmackvolle Autoren zu thun gewohnt sind. Erst durch Lessing, Kant, Schiller bildete sich allgemach das kritische Gefühl heraus, welches auch in Bezug auf die Darstellung wissenschaftlicher Forschungen strenge Polizei handhabte und Streifzüge der Poesie und der Rhetorik in fremdes Gebiet nicht duldete. Der ״gesunde Menschenverstand", der ja damals über All und Jedes zu. Gericht saß, konnte sich natürlich mit langen Citaten und einer trockenen Beweisführung nicht plagen; ״leicht faßlich", das war die Hauptsache. ״Dinge, die nicht leicht zu fassen waren, fanden vor diesem Richter keine Gnade; neben ihm konnte nur noch das ״fühlende Herz" sich geltend nrachen; dürre Nüchternheit und überschwängliche Sentimentalität beherrschen unvermittelt das Zeitalter, aber das Denken ist zu gesund, nicht fein und zartnervig, und das Fühlen zu krankhaft, nictjt ernst und kräftig. Die Sentimentalität war eine Erbschaft der poetistischen Richtung, welche im siebzehnten Jahrhundert mit so großer Berechtigung gegen das starr dogmatische Lutherthum die Forderungen des individuellen religiösen Bewußtseins ausgesprochen hatte, und die altkluge Aufklärung, die sich anstellte, als gäbe es silr sie gar kein Geheimniß, als sei ihr nachts zu hoch, als verstünde sie Alles, die Reaktion gegen die kirchlichen Eiferer, die der Welt einreden wollten, es sei ihre höchste Ehre, unverdaulichen Dogmenkram auswendig zu lernen und nachznplaudern. Diesen herrschenden Mächten rnnßten auch größere Geister ihren Tribut entrichten; hieraus erklärt sich bei ihnen die mangelhafte Beweisführung und das sich Hervordrängen des deklamatorischen Redeschmucks. Und besonders solche Schriftsteller, die zu einem großereu Leserkreis sprachen, schädigten durch dieses Zugeständnis; an den Tagesgeschmack den dauernden Werth ihrer Leistungen, ob-