Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe aus Prag
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Briefe aus Prag. denhäuser sei armselig und verfallen, umsomehr biete das Innere allen Reichthum und Comfort; und wer mit dichterischer Auffassung begabt durch die abschreckende Außenseite in das innere Gemüthsleben Jener einzudringen vermag, welche Fülle, welchen Reichthum wird er wahrnehmen! — Die Geschichte der Juden des Mittelalters ist aber eigentlich nur die der großen Gemeinden. Es brachen zuweilen heftige Stürme über ganze Länder aus, die Juden, wo sie sich befanden, in Städten oder in Weilern, wurden von dem Pesthauche der aus den mit Fanatismus und blutgieriger Religionswuth geschwängerten Vulcanen sich gewaltsam entwickelnden Eruptionen heftig angewchet; aber diese Leiden bilden nicht Geschichte, die Leben repräsentiren will: Leben boten die Gemeinden. Zu bedauern ist, daß gerade hier die Berichte so arm: es wurden keine Archive angelegt, und die Gemeindebücher sind entweder in den äußeren Stürmen untergegangen oder sind, wo sie sich erhalten, nicht zur Benutzung gekommen. Unsere Gegenwart, der das geschichtliche Interesse ins Bewußtsein getreten, mag daher bedacht sein, daß die Nachwelt nicht ähnlichen Stoff zur Klage über Mangel an Auszeichnung des in ihr sich Ereigneten finde. Zwar ist der poetische Blüthenstaub ziemlich verwischt: die jedenfalls verbesserten bürgerlichen Verhältnisse der Inden bieten (Dank der Vorsehung!) nicht mehr das tief Elegische, und durch die Abnahme der Religionswärme und den aus vielen Seiten sich kundthuenden Niederschlag des frommen Gefühls tritt uns fast nur eine trockene, wenig belebende und erhebende Prosa entgegen. Doch die Geschichte muß jeden Befund einregistriren, und ganz geist- und gemütharm kann wahrlich nie das jüdische Lehen sein. Wo sie aber ihre Register anlegen soll? Wo anders als in den jüdischen periodischen Blättern! Sie seien die öffentlichen Archive, in denen die einzelnen Acten, ein Blatt und wieder ein Blatt niedergelegt werden. Darum sende ich Ihnen heute wieder einen Bericht aus unserer Gemeinde und fahre fort, wo ich vor anderthalb Jahren abgebrochen; und habe ich auch nicht hellaufznckende weitleuchtendc Vorgänge mitzutheilen, so ist es doch nicht ״im Sturm und nicht im Feuer, sondern im sanften Säuseln", in dem allmäligen Fortschreiten auf dem Wege des Frommen und Menschenfreundlichen, daß sich das Göttliche offenbart. Vorerst Manches über unsere religiösen Verhältnisse. Hier vor Allem über manches Treffliche, das von unser»! Oberrabbiner Herrn Rapoport ausgegangen oder von ihm die Anregung erhalten hat. Es wird in neuester Zeit an mehreren Orten eine mehr wissenschastliche Betreibung des Talmudstudiums versucht, und Prag stehet nicht zurück: unter Leitung des Herrn Rabbiner R. hat sich ein Tal-