Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jahresschau
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Jahres schau. welchem die glänzenden Hoffnungen die Sinne umfangen hatten ist verraucht, die erträumten Ideale lösen sich in Nichts auf, die Thurmbauer selbst verstehen ihre Sprache nicht mehr, müssen wenn sie redlich sind eingestehen, daß sie sie von vornherein nicht verstanden, das Gebäude Chimäre, die Grundlage Selbsttäuschung war. Das Judenthum ist weder in Zeitansicht noch in Zeitverhültnissen bedingt: erkennt es sich nicht als Unabhängiges, Freies, das weder äußere Erhebung noch Druck, weder staatliche Anerkennung noch Zurückstoßung altcriren kann, dann ist es seinem Wesen untreu geworden, gilt nicht sein Kampf der Gottesidee sondern einem incarnirten ins Materielle spielenden Rechtsbegriff. Der Jude darf nicht für seinen Glauben die Emancipation fürchten, und wir weisen ernstlich die vielleicht gutgemeinte Absicht mancher Rocoeo-Liebhaber zurück, die in ihrer Eingenommenheit für Alterthümliches im Interesse des Judenthums den Druck für angemessen halten, da es gerade durch engpressende Leibschnüre zusammengehalten werde: Frankreich und Holland bieten Belege, daß Judenthum und Emancipation gut nebeneinander gehen können. Aber daß ebenso wenig deren Verweigerung es einzuschüchtern vermag, spricht seine durch den großen Lauf vieler Jahrhunderte sich hinziehende Leidensgeschichte. Man findet lächerlich, daß der Jude sich ein von Gott auserwähltes Volk nennt; aber liegt nicht in dem Getragenwerden von einer Idee ein höheres Menschthum, ist nicht Jener der für die göttliche Idee Alles hingeben kann, der für sie über Meinung und Ansicht, über Druck und Zurücksetzung wegsiehet ein Gottanstrebender, ein Götterwählter? Gegen außen gelte uns also die Devise ״der Ewige wird für euch streiten"; haben wir nur in uns Ewiges, Göttliches, so ist in unserer Hand die Schutzwaffe, an der jedes feindliche Sinnen und Ausführen sich bricht: sind nicht wir da die Freien, nicht wir die Sieger? — Um so dringender ist aber die Forderung einen Einblick in uns, in unsere inneren Zustände zu thun. Die Umschau kann uns nicht entmuthigen, sie wird vielmehr bei manchen Wahrnehmungen auf anderen Gebieten uns mit neuer Freudigkeit für den Glauben erfüllen, dessen einziges Dogma von jeher unantastbar und nie mit menschlicher Schwäche auch nur den leisesten Berührungspunkt hatte. Wenden wir uns daher zu der Einschau. Hier begegnen wir vielen,