Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1851-1852)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1851)
- Article
- Briefe aus London
- Date
- 1851-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Briese aus London. nimmt den äußern Menschen gefangen, läßt aber in ihm ein peinliches Gefühl, eine gewisse Leere und Oede zurück: man fürchtet in diesem Ocean sich selbst zu verlieren, ist beängstigt als Individuum unterzugehen; und es wäre manchem deutschen Pantheisten zu rathen sich auf einige Zeit hierher zu versetzen, um das Unbehagliche des Pantheismus, des Aufgehens im All, ganz zu kosten. Sehr wohlthuend ist es daher sich aus dieser Betäubung aufzuraffen und sich zum Menschen, zum Engländer mit seinen Speeialitäten, zu wenden: hier fühlt man einen festern Boden, es stehet der Mensch dem Menschen gegenüber. Wie sich im Engländer ein durch Gesinnungstüchtigkeit und Gesinnungsstärke gehobenes Menschliche repräsentirt, wie sich im angelsächsischen Stamme diese Freiheitsliebe und dieser vernünftige Gebrauch der Freiheit ausgeprägt, welchen Einfluß seine früheren Staatsumwälzungen, seine Magna Charta und seine gegenwärtige Constitution aus seinen Charakter geübt, hierüber wird hier weder Auskunft zu suchen noch Auskunft zu geben sein; aber dieses lassen Sie mich schnell bemerken, der Charakter der Bewohner Albions drückt sich auch in unfern Glaubensgenossen aus diesem Jnsellande und in deren konfessionellen Verhältnissen ab. Sie werden vielleicht in diesem Uebergange einen gewaltigen Sprung von dem allgemein menschlichen Standpunkte auf particularistische Interessen wahrnehmen, aber mit Unrecht. Es sollen hier nicht äußere Verhältnisse hervorgehoben werden, und selbst den politischen Zuständen der englischen Juden wird dieser Bericht nur im Vorübergehen einige Aufmerksamkeit widmen; einen Beitrag zu der religiösen Kulturgeschichte der Juden Englands zu liefern ist die Aufgabe dieser Briefe: und wenn in der großen Ueberflutung des Allgemeinen der höhere Standpunkt des Glaubens im Auge behalten und nach ihm geforscht wird, so muß wohl der Vorwurf des Partieularismus schweigen. Doch soll dieser Bericht im Eingänge auch einigen Äußerlichkeiten genug Lhun. Der große Chrystal-Pallast hat sich nun einmal seinen Namen unter den Wunderwerken der Welt erworben, und von ihm aus wird, wie Manche hoffen, eine neue Aera für die friedlichen Bestrebungen der Industrie ausgehen und sie dereinst Kriegs- und Eroberungssucht entwaffnen. Fast alle gesitteten und halbgesitteten Völker haben Beiträge geliefert; und trefflich bemerkt Michel Chevalier in einem Berichte im Journal des Debats: „die halbgefltteten Völker strotzen hier in Verfertigung von Gold- und anderen kostbaren Zeugen, die gesitteten Nationen ragen zumeist durch Erzeugnisse iu Eisenwaaren hervor. Aber wo ist der eigentliche Fortschritt zu finden? Diese Gold- und Silbergeschirre, diese kostbaren Sättel und Decken hatte auch schon das Alterthum; aber Production und Industrie gewinnen wenig hierbei, menschliche Hände