Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen und kurze Mitteilungen. 233 stoßen wie außerhalb derselben, vermag sie wenig zu berühren. Ihre stille Arbeit geht weiter. Die Verständnislosigkeit in jüdischen Kreisen für wissenschaftliche Werte auf ureigenem Gebiete scheint allerdings langsam besserer Einsicht zu weichen. Wenigstens haben die Verwaltungen einiger größerer Kultusgemeinden in Österreich und Deutschland endlich die Erkenntnis gewonnen, daß sie als Hüter religiösgeistigen Besitzstandes auch Förderer der jüdischen Wissenschaft sein sollen, und vielleicht — vielleicht! — würde heute eine so beschämende Niederlage nicht mehr möglich sein, wie sie ein Moses Mendelssohn einst erlitten hat, als er trotz aller Bemühungen bei den Gemeinden und Mäzenen den Spottpreis nicht aufbrachte, um welchen die berühmte Bibliothek David Oppenheims, jetzt die Zierde der Bodleiana in Oxford, in Deutschland hätte erhalten werden können. Man kann der Wiener Kultusverwaltung die Anerkennung nicht vorenthalten, daß sie auf dem Wege solch neu gewonnener Erkenntnis am weitesten vorgeschritten ist, und daß es ihr auch nicht an Mäzenen fehlt, deren bereitwilliger Beihilfe für wissenschaftliche Zwecke sie sicher sein darf. Sie hat vor allem durch Einsetzung einer besonderen historischen Kommission die Erforschung ihrer eigenen Schicksalsreichen, aber rühmlichen Vergangenheit möglich gemacht, für welche Gerson Wolf und David Kaufmann bereits einige aufhellende Arbeiten geleistet hatten. Die historische Forschung war in den vergangenen Leidenstagen das Stiefkind jüdischer Gelehrsamkeit. In der modernen Zeit ist aus dem Stiefkind plötzlich ein Liebling geworden; mag die Vergangenheit dem einen als ein überwundenes, geschlossenes Ganze oder dem anderen als Grundquelle künftiger Entwicklung gelten, sie erscheint in jedem Falle als interessant und erforschensweri. Es gibt nichts auf dem langen Wege Israels seit der Urzeit bis zur Schwelle der Neuzeit, was nicht heute dem jüdischen Geschichtsforscher von Wert und Bedeutung wäre, zumal nach dem Erscheinen der ersten jüdischen Geschichtswerke sich sehr rasch die Erkenntnis durchsetzte, daß großzügige und weitausschauende Darstellungen der jüdischen Geschichte sich nur auf einem aus ausgiebigem Kleinmaterial aufgeschüttetem Boden errichten lassen. Seiner Pflege gilt deshalb augenblicklich die stille Arbeit der jüdischen Historiker. Gelehrtengeschichte, Familiengeschichte und Gemeindegeschichte wird mit einer Vorliebe gefördert, zu welcher der pietätvolle, jüdische Sinn noch das seine tut, und außer der reichen Benutzung der Staats- und Gemeinde-