Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ich befehl mein Seel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 403 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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403 ״Ich befehl mein Seel“ Thema des Schlafengehens berührt; darauf folgt das Gebet, abgeschlossen von einer Yorerinnerung an das Erwachen. Die sprunghafte Gedankenführung und die Wiederholungen der gedruckt überlieferten Fassung sind zwanglos versdiwunden. Als Kern bleibt ein fünfstrophiges Lied zurück, dessen schlichter EmpfLndungsweise und Schönheit man sich nicht verschließen kann. Wie mag es zu der späteren Überarbeitung, dem Einschub und Nachtrag gekommen sein? — Die Wirkung des Kernliedes beruht auf seinem ganz allgemein gültigen, naiven Gedankengehalt, dem sich jeder anschließen kann. (Dem einen oder anderen heutigen Leser mag daneben vielleicht das deutsche Kindergebet ״Müde bin ich, geh zur Ruh“ aufklingen.) Es findet sich in diesen Kernstrophen nämlich keine gerade auf den jüdischen Beter gemünzte Formel, keine von den damals üblichen Wendungen der Galut-Literatur. Daß es sich trotzdem um eine jüdische Schöpfung handelt, kann angesiehts des judendeutschen Reimes Chen: mehn und mehrerer inhaltlicher Punkte unbezweifelt bleiben4. Dem ״Mangel“ an schablonenhaften Wendungen herkömmlicher Galut-Dichtung hat nun ein späterer Bearbeiter kräftig abgeholfen. Er schiebt die Bitte um. Erlösung aus der Zerstreuung ein und hängt die Berufung auf das Verdienst der Yäter, die Hoffnung auf Wiedererrichtung des Tempels und auf ״gute Engelscharen“ an. Der hierin erkennbare Wille, das Lied ״jüdischer“ zu machen, wiegt den Mangel an dichterischem Form können, ja an der Begabung zu einfachem Reimeschmieden nicht auf. Zudem äußerut sich dieser Wille allein als ein Hinstreben zur überkommenen Formel und Schablone — vielleicht war es überhaupt nur das Streben eines Druckers und Verlegers nach einer breiten Publikumswirkung. Da somit den Erweiterungen sowohl Kunst wie Ethos fehlt, lohnt es sich schon, die ursprüngliche dichterische Schöpfung herauszuschälen, ein ״Lied zu erlösen“. 4 Ich habe z. Zt. keine Möglichkeit, die Sammlungen zeitgenössischer deutscher Lieder zum Vergleich heranzuziehen, wie: Erk und Böhme, Deutscher Liederhort.