Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ich befehl mein Seel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 401 (sequence 2)
- Language
- German
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401 ״Ich befehl mein Seel" Volksdichtung teilte Chemja Winawer im ״Singblatt der Jüdisehen Rundschau663 mit, daß dieses alte ״schon Nachtleinen fer Weiber un Meiden66 in seiner polnischen Heimat noch in seiner Jugend im Schwange war und von den Frauen vor dem Schlafengehen in schlichter, eintöniger Melodie gesummt wurde. Eine Lebensdauer von über 200 Jahren und eine Verbreitung zwischen Fürth und Polen ist damit für dieses1 Lied bewiesen. In der Überschrift des Fürther Druckes wird die Zweckbestimmung gegeben: ״fer Weiber un Meiden, as sie wellen schlafen gehn66. Diese Bemerkung wirft ein Streiflicht auf das ganze, ausgebreitete judendeutsche Schrifttum: Dieser ganze blühende Dichtungszweig galt als geistige Speise lediglieh für ״die Weiber un das gemein Volk, so nit können Tora leinen66, wurde als ein ״al tenaj“ der Galut angesehen. Uneingestanden bedeutete es jedoch zweifellos mehr. So ist auch dieses Lied nichts weniger als ein Ersatzprodukt, sondern eine selbständige Schöpfung, eine künstlerisch wertvolle Fassung allgemeinmenschlich - naiver Nachtgedanken in poetischer, judendeutscher Sprachform. Solche volkstümlichen Dichtungen, hauptsächlich mündlieh überliefert, waren jeder Willkür und Veränderung ausgesetzt. In den kanonischen biblischen Büchern durfte selbst bei den unzähligen Abschriften von tausend Jahren nicht ein Jod seine Stelle wechseln; in den inoffiziellen, wenn auch religiösen Texten der Volkssprache ist meist kein Jod an seiner ursprünglichen Stelle geblieben. So auch in diesem Nachtlied. Der Text des Fürther Druckes von 1681 (siehe Schocken-Almanach 5697) ist — das zeigt schon der erste eindringliche Blick — keine Einheit. Die Anfangszeilen von Strophe VIII klingen wie eine der üblichen Anpreisungen der Drucker und Verleger: Hier beginnt ein Teil, der als nachträgliche Erweiterung des Grundtextes bezeichnet werden muß. Das verrät auch die äußere Form: Zunächst sprechen diese Zeilen vom ״Wir66-Standpunkt aus, während es vorher ״ich66 heißt; ferner ist Strophe IX unvollständig, und am Schluß erscheint der Reim-Mißklang schaden: 3 Jüdische Rundschau 30. X. 1936.