Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen 353 Leo Baeck: Das Evangelium als jüdische Glaubensgeschichte. Nr. 87 der Bücherei des Schocken «Verlages, 105 S. Der Wert eines wissenschaftlichen Buches beruht nicht auf lang« atmigen Auseinandersetzungen und Beweisführungen. In der Knappheit einer Darstellung, die jedes Sich«auf«Seitenwege״Verlieren vermeidet, in der Gestrafftheit der Diktion, in der Konzentration auf einen Hauptgegenstand liegt der wahre Wert einer wissenschaftlichen Abhandlung. Darum kann man dieses schmale Büchlein als eine der bedeutsamsten und eine abschlie« ßende Erscheinung auf diesem Gebiete wissenschaftlicher Untersuchung bezeichnen. In dem Titel offenbart sich bereits eine bestimmte Richtung der Dar« Stellung. Sie will die Evangelien, zum mindesten die synoptischen, in die Kette der in den Bereich des jüdischen Schrifttums gehörenden Lite« ratur einreihen. Aus der Tatsache, daß seit einer bestimmten, etwa 40—50 Jahre nach dem Tode Jesu liegenden, Zeit die Gemeinschaft, die sich auf die Evangelien als Glaubensurkunde beruft, abseits vom Judentum und in gegnerischer Stellung zu ihm lebt, darf nicht der Schluß gezogen werden, — wie es gelegentlich geschah — daß diese Schriften uns nichts angehen. Es gehört vielmehr zur Aufzeigung des inneren Zusammenhanges des entstehenden und sich gestaltenden Christentums mit Judentum und jüdischer Lehrform darzulegen und zu erkennen, wie in den ersten Schriften der ent« stehenden christlichen! Gemeinde jüdisches Lehrgut in Denkweise und Form sich offenbart. Und insoweit dieser Nachweis zu führen ist, bereichern sie, auch wenn man; jüdischerseits keinerlei Folgerungen für die eigene Fröm« migkeitshaltung aus ihnen zieht, unsere Kenntnis des jüdischen Schrifttums und der jüdischen Geschichte und bestimmter in ihr einst lebendiger Men sehen gruppen. Ilm jenen Nachweis zu führen, gibt Baeck zunächst eine Analyse der Tradition im Bezirk der jüdischen Geistigkeit. Er gibt ein Bild ihrer Wesens« art und schildert, wie sie in Anlehnung an das Bibelwort arbeitet, es auf« nehmend, weitertragend, die Gegenwart aus ihm begreifend und zugleich wiederum Gegenwart in das Bibelwort hineintragend, so Gewesenes aus dem eigenen Erlebnis verstehend und verwerfend; wie sie Gestalten und Ereignisse dichtend und ergänzend ausspinnt. In diesem Teile der Abhand« lung ist noch gar nicht von dem Hauptthema die Rede, aber es ist schon in sich selbst ein Kabinettsstück der D'arstellungskunst. In so knapper und zugleich erschöpfender Form ist kaum je Wesen und Art der midraschischen Auslegung geschildert. Selbst wenn man zu dem Nachfolgenden nicht in Zustimmung stünde, bleibt diese Analyse in ihrer wissenschaftlichen Fun« damentierung und ihrer volkstümlichen gemeinverständlichen Ausarbeitung in unbedingter Geltung. Er zeigt dann weiter auf, wie die Evangelien diese Art Tradition, die so eigentümlich und originär jüdisch ist, wiederspiegeln, sowohl in der Form der Anlehnung an die Bibel als auch in dem Weitertragen der Lebens« Schicksale und des Lebensbildes ihres Helden. Mona.t!&sel11rift, 82. Jahrgang 24