Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kritischer Idealismus und jüdische Theologie
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
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Kritischer Idealismus und jüdische Theologie 85 nicht in der Vereinung durch wechselseitige Idealisierung0.6‘ — Und indem wir zurückgreifen auf die Barthsche Deduktion der Freiheit des Willens, die nicht an sich ist, sondern i m Tun des Guten als ״Idee praktischer Vernunft66 — in Entsprechung zum echt jüdischen Freiheitsbegriff — ihre Verwirklichung findet, gelangen wir zu dem Urteil, daß das Barthsche Geschichtsverständnis einen philosophischen Begriff von Geschichte wieder freizulegen vermag, den das ganze 19. Jahrhundert nicht gekannt hat und der es zudem gestattet, die theologische Relevanz der Tradition für eine jüdische Glaubenslehre als konstitutive Lebensmacht in Ansatz zu bringen. Denn der ״kritische Idealismus66, wie ihn Barth vertritt, ist wirklich in der Lage, über den Historismus als außerhalb der Verwirklichung bleibende Erinnerung hinaus vorzustoßen in die rechte Geschichtlichkeil und damit in diejenige Dimension bewegter und vergegenwartigter Zeit (Vergangenheit) hinein, in der wesenhaft heutiges Bemühen um Erneuerung jüdischer Theologie einzig gedeihen kann. In Barths Schrift ״Das Sein in der Zeit66 (Tübingen 1933) heißt es: ״Die Erinnerung mag sich wohl in einem Bilderbuche der Vergangenheit ergehen; aber darin veräußert sie das Innen, dessen sie inne werden will. Sie wird dessen nicht inne, was wir die geschichtliche Existenz nennen: die Existenz in ihrer verantwortlichen Entscheidung. Indem vergangene Existenz nur beobachtet, nur festgestellt, nur registriert wird, wird ja die Möglichkeit ausgeschaltet, daß sie als Existenz zu uns spricht, daß sie uns anspricht. Vergegenwärtigung, Erinnerung, die die Existenz nicht von vornherein verleugnet, ist ja etwas ganz Anderes als beschauliches Verweilen. Sie ist Wiederaufnahme, Wiederh o 1 u n g der Existenz in einem Aufnehmen und Tragen ihrer Größe und ihrer Gefahr, ihrer Freiheit und ihrer Schuld. Daß geschichtliche Haltung eben solche Aufnahme bedeutet, — diese Einsicht ist ja heute nicht mehr nur Erkenntnis der Philosophen; sie ist weiten Kreisen von solchen, die nachdenken, zu eigen geworden.66 (21.) 9 Blätter für deutsche Philosophie 19317 115.