Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Judenemanzipation im Licht des französischen Nationsbegriffs
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Judenemanzipation im Licht des französ. Nationsbegriffs 467 France seulement, mais ponr toutes les nations“, erklärte Duport34. Zunächst äußerte sidi diese Tendenz in Ideologien:, die mit utopischen Weltbildern begannen und in den grotesken Phantastereien eines Anacharsis Cloots, des ״Botschafters des Menschengeschlechts'6 endeten35. Bald aber nahm der universalistische Zug realere Formen an. Er führte zur symbolischen Verleihung des Staatsbürgerrechts an Ausländer, ״qui avaient bien merite de Fhumanite6630 und erreichte schließlich seinen Höhepunkt in dem Versprechen des Konvents37, ״d’accorder fraternite et secours ä tous les peuples, qui voudront recouvrer leur ]iberte“. Ein derart von seiner Mission erfülltes Frankreich38 konnte im allgemeinen die Tore zur eigenen Nation kaum jemand verschließen, der Eingliederung in die ״nation fran^aise“ begehrte. II. Sollte diese generelle Aufnahmebereitschaft auch für die nationale Eingliederung der Juden gelten? Die Meinungen hierüber waren in Frankreich geteilt. Im wesentlichen lassen sich drei Auffassungen feststellen: Nach der ersten war die ״incorporation6* der Juden genau so zu werten, wie die Aufnahme irgendeiner beliebigen fremdnationalen Gruppe. So heißt es in dem bereits zitierten munizipalen Memorandum von 179030, die Frage der Judenemanzipation liege nicht anders, als ob es sich darum handele, ״de 34 Zitiert bei Lemann, La preponderance juive, Bd. I, Paris 1889, S. 217. 35 Zitate z. B. bei Hintze, S. 256, 306; vgb ferner Michels, in Verhand- Jungen des zweiten deutschen Soziologentages, Tübingen 1913, S. 156, Roffenstein*, S. 176. 36 Beschluß der Legislative vom 26. August 1792 (bei Sagnac S. 436). 37 Dekret vom 19. November 1792 (bei Johannet S. 107); vgl. ferner Hintze, S. 259, 296, Seignobos, S. 252. 38 Der politische Missionsgedanke in der Moderne ist übrigens keine auf Frankreich beschränkte Erscheinung. Er äußert sich beispielsweise auch in England' (hierzu Michels, Patriotismus, S. 21 ff.). Etwa nach dem Dichterwort von Rudyard Kipling ist es ״white man’s bürden“, noch nicht entwickelten Völkern das Licht der Aufklärung zu bringen. Die Völkerbunds- Satzung (Art. 22) hat diese Gedanken auf gegriffen und es als ״sacred trust of civilisation“ bezeichnet, primitive Völker zu entwickeln. Hierauf beruht das Mandatssystem der Nachkriegszeit. 30 Maignial, S. 172.