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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1935-01-01 · Heft 5 · p. Seite 362

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
79 (1935)
Issue
Heft 5
Article
Die wirtschaftliche Stellung der Juden in Bagdad im 10. Jahrhundert
Date
1935-01-01
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 A. Cohen Unter der Herrschaft der Abbasiden hat nicht nur die geistige, sondern auch die wirtschaftliche Kultur des arabischen Weltreiches mit dem Mittelpunkt Bagdad ihren Höhepunkt erreicht. An die Stelle der feudalen Militärkaste trat der Kaufmann als Repräsentant der nun auch materiell anspruchsvoll gewordenen mohammedanischen Kultur (Mez, Die Renaissance des'Islam, S. 442). Der Unterschied ist so deutlich, daß dem an der europäischen Geschichte geschulten Forscher der Fortschritt unter dem Bilde der ״Renaissance“" erscheint, denn hier vollzog sich die erste Annäherung an die antike .Kultur* ־ An dieser Ent- Wicklung hat der Jude einen nicht geringen Anteil. Sein Anteil an der Blüte der arabischen Kultur ist längst bekannt; die neuen Quellen zeigen aber überdies, daß die Juden auch Wirtschaftlieh zu Spitzenleistungen gelangten, die die Aufmerksamkeit der Mitwelt auf sich zogen. Es fragt sich, wie dies wirtschaftliche Hervortreten der Juden zu bewerten ist. Trotz des Zusammenhangs von materieller und geistiger Kultur, von Wohlstand und äußerer Macht und trotz des Eigenwertes der Zivilisation (neben der ״Kultur“) hat der moderne Mensch, und hat besonders der durch bittere Erfahrungen der letzten Zeit gewitzigte moderne Jude eine ihm selbst vielleicht unerklärliche, aus tieferen Regionen des Seelen* lebens auf steigende ihstinktive Abneigung gegen alles, was an ״Kapitalismus““ erinnert, zumal an den modernen Kapitalismus, der für alle wirtschaftlichen und sozialen Übel der Gegenwart verantwortlich gemacht wird. Der Nationalökonom mag darauf hinweisen, daß der Kapitalismus notwendig war, daß er einen Fortschritt bedeutete, daß er als Prinzip nicht verantwortlich zu machen sei für die Ausartung des kapitalistischen Prinzips, für den Mißbrauch, der mit ihm getrieben wird, tut nichts — der Kapitalismus ist nicht nur eine verlorene Sache, für die niemand mehr; kämpfen will, sondern für viele auch ein überwundener Standpunkt,/ der besserem Platz machen muß. Aber wissen״ schaftliche Fragen lassen sich mit solchen Erwägungen nicht erledigen. Wir müssen den Tatsachen in die Augen schauen. Aber sie sollen rein zu uns sprechen, sie dürfen nicht durch vorschnell vereinfachende Hypothesen, durch unbehelfliche Analogien unzulässig verallgemeinert werden.

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