Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Kassel nach der Fremdherrschaft
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 597 (sequence 11)
- Language
- German
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Kassel nach der Fremdherrschaft 597 Pr. Mendel Heß zu Stadtlengsfeld1״ für den Landgraf Ernst von Hessen-Philippsthal eintritt2. Der Landgraf begnügt sich aber nicht damit, ihn als einen bewährten, aufgeklärten Mann zu rühmen, der ihm genau bekannf sei und ausgezeichnete Leistungen anfzuweisen habe, sondern er stellt auch den Gegenkandidaten Auerbach als einen jungen, unerfahrenen Menschen hin, der nur du;rch das Versprechen viele Stimmen für sich gewonnen habe, ״die noch in Finsternis schwebenden Juden“ nicht in ihren ״finsteren Begriffen“ zu stören. Heß selbst leistet das Mögliche in Verunglimpfung des Mitbewerbers3. Das Vorsteheramt habe ihn der Regierung an erster Stelle unter den" Bewerbern genannt (17. 3. 1.834). Für Heß sucht der als Schriftsteller bekannte Religionslehrer Creizenach aus Frankfurt am Main4 den Minister günstig zu stimmen (6. 8. 34). Auch im Bezirk rührt es sich. Dr. Leon aus Wanfried wünscht dringend die Wahl eines aufgeklärten und wissenschaftlich gebildeten Theologen, ohne Heß ausdrücklich zu nennen. Außer H. meldete sich noch vor Aus- Schreibung der Stelle Provinzialrabbiner Dr. Levi aus Gießen5 1 Geboren am 17. 3. 1807 zu Stadtlengsfeld, wo sein Vater Isak Heß als Landrabbiner wirkte. Bereits sein Vater hatte sich 1818 um das Amt beworben. S. oben S. 588 Anm. 4. 2 Ernst Constantin, geb. 1771, gest. 1849 zu Philippsthal (Hoffmeister, ,,Hist, geneal. Handbuch“, Oassei 1861, S. 112. 3 In einem Brief an den Minister sagt er Auerbach nach, er betrachte als pharisäischer Finsterling Palästina als sein eigentliches Vaterland. Im Besitze der Rechte und Freiheiten, aber der Gesinnung ermangelnd, welche erst jenen Besitz segensreich macht, bürgerlich, aber nicht geistig und sittlich emanzipiert, würden die Juden Kurhessens nie das zum Wohle des Staates beitragen, was man sich von ihrer Emanzipation versprach. Er spricht die Hoffnung aus, die Kurhessische Regierung werde nicht durch Anstellung eines verschrobenen Talmudisten ihre israelitischen Untertanen wieder um 50 Jahre zurückbringen. 4 Michael C. (1789—1842), seit 1824 an der j. Realschule (Philanthropin) in Frankfurt am Main als Lehrer und Prediger tätig. Von seinen verschiedenen Schriften ist besonders bekannt ״Sehulchan Aruch oder Eneyklopädische Darstellung des mosaischen Gesetzes usw.“ (S. Ene. j. V Sp. 687 f.). 5 Benedikt Levi, bis: 1896 Rabbiner in Gießen. Er stand auf ent* schieden liberalem Standpunkt. Sein Sohn war der berühmte Generalmusikdirektor und Wagnerinterpret Hermann Levi in München (1839 bis 1900).