Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Beiträge zum Fall Mortara (1858)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
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324 Jose! Meisl liehen Meinung, daß es sich um einen offenkundigen Gewaltakt handle, keinen Hehl machte1, so dachte er nicht daran, als Vertreter einer evangelischen Regierung dem römischen Hofe irgendwelche Vorstellungen zu unterbreiten. Wäre die Unduldsamkeit gegen einen evangelischen Christen verübt worden, so wäre allenfalls noch eine Möglichkeit der Intervention gegeben gewesen2. Doch selbst dann hätten Bedenken schon deshalb bestanden, weil es sich um den Untertanen eines fremden Staates handelte. Nur dann wenn der Staat mit seinem ,,Interesse an der Sache die Achtung vor dem Recht des fremden Landesherrn verbinden “ müßte, hätte er sich zu einer diplomatischen Einwirkung entschließen können3. Dies war in großen Zügen die Haltung des preußischen Gesandten in Rom, die von dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten gebilligt und bestärkt wurde. Ihm stimmte auch der Kultusminister4, dem die Akten zur Kenntnis übersandt wurden, voll und ganz bei5. Folgerichtig war es daher von diesem Standpunkt aus, wenn auf das Gesuch der preußischen Synagogengemeinden, sich bei dem Papste für die Zurückgabe des Knaben an seine Eltern zu verwenden, ein ablehnender Bescheid erteilt 1 Dies geht ausgesprochenermaßen ans den meisten seiner Berichte hervor, ist aber auch dort, wo er zurückhaltender wird, leicht zwischen den Zeilen zu lesen. 2 In Anhang IX wird als Analogon der Fall der Eheleute Madiai in Florenz angeführt, die vom Katholizismus zum protestantischen Glauben übergetreten und wegen Gottlosigkeit oder Religionsfrevel (Empietä) zu schwerer Gefängnisstrafe verurteilt worden waren, doch nach einigen Jahren vom Großherzog von Toskana begnadigt wurden. Eine aktenmäßige Behandiung dieses sehr interessanten, aber nicht hierher gehörigen Falles wäre wünschenswert. Vgl. die Akten des Preußischen Geh. Staatsarchivs A. A. III. Rep. 5, Geistliche und Kirchen-Sachen Nr. 6, Italien 1852, betr. die Verurteilung der Eheleute Francesco und Rosa Madiai zu Florenz wegen Verleitung zum Abfall vom römisch-katholischen Glauben und die für. dieselben eingelegte Verwendung; Discorso ... in difesa dei coniugi Francesco e Rosa Madiai, Florenz 1852; Correspondence respecting the Gase of Francesco and Rosa Madiai, London 1852—1853 (Vorlage an das Parlament); Rapport aux eglises et corporations evangeliques de la Suisse, Genf-Paris 1852; Mitteilungen über die Madiaische Angel. Berlin 1852. 3 Vgl. Anhang IX. 4 Moriz August von Bethmann-Hollweg (1795—1877). 5 Vgl. Anhang IX und XI.