Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1933-01-01 · Heft 2 · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
77 (1933)
Issue
Heft 2
Article
[Rezension]
Date
1933-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829991-2829994-2838161--51930-2838254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

154 Besprechungen Beleuchtet Marcus die Krisis der deutschen Juden, so sieht Heller sogar aus den dunklen Zeiten, die über die ganze Weit hereingebrochen sind, den Untergang des ganzen Judentums voraus. Heller ist ein eingefleischter Materialist, der ganz in den Theorien von Marx, Lenin und den bolschewis tischen Häuptern lebt. Vor seinem konstruktiven Denken, vor seiner Überzeugung zerbricht jede geschichtliche Lehre. Die Möglichkeit einer Offenbarungsreligion ist für ihn.nicht vorhanden, auch die jüdische Religion ist, wie Heller und andere. Nachbeter von Marx, Lenin und deren Epigonen nachzuweisen glauben, ein naturgemäßes Produkt der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Ursprünglich seien die Juden Nomaden gewesen, aber selbst als sie das heilige Land in Besitz nahmen, seien sie Nomaden geblieben, wenn'.sie auch vereinzelt Ackerbau getrieben haben. Aus diesen Nomaden, haben sich dann, so meint Heller, Händler und Kaufleute ent: wickelt, und ihre Begabung zu kaufmännischen Berufen haben die Juden während aller Phasen ihrer Geschichte gezeigt. Sie seien die Pioniere des Welthandels, des Bankwesens und des Kapitalismus gewesen. Aber mit dem Erstarken des Bürgertums sei ihnen das Monopol des Handels entrissen worden. Das Bürgertum.erkannte in den Juden seine guten Helfer, befreite sie aus den Ghettos und gab ihnen die Emanzipation. Die jüdische Religion war angepaßt der früheren Stellung, die die Juden in der Gesellschaft einnahmen, und so lange war sie nach Heller kein nebensächliches Attribut, aber die Juden des Westens liängen an der jüdischen Religion nicht mehr, Tradition und Pietät verpflichten sie nur, sich als Bekenner des Judentums zu nennen, unweigerlich ist ihre Auflösung in die Völker, unter, denen sie wohnen, zu erwarten, zumal der Zuzug aus dem gesetzestreuen; Osten unterbunden ist. Die ganze Schale seines Spottes gießt Heller über die Bestrebungen der Zionisten aus und stellt die Besiedelung Palästinas als ein Phantom hin. Wie die Juden des Westens, so stellen, nach Heller, auch die Juden des Ostens, so lange sie in der Diaspora leben, keine Nation mehr dar, sondern sie können nur als Kaste bezeichnet werden. Aber bei den Juden des Ostens haben sich Tradition und das Nationalmäßige besser erhalten, wie bei ihren westlichen Brüdern. Doch sei ihnen durch das bolschewistische Regime die Möglichkeit ihrer Existenz genommen,, das aber auch gleichzeitig die Lösung der Judenfrage mit tatkräftiger Hand in die Hand genommen hat. Und so wird Heller ein gewandter Interpret und begeisterter Apologet des bolschewistischen Staatsregimes, von dem das Judentum des Ostens nur die erwünschte Erlösung erreichen kann. Derartige verlockende Melodien sind den Juden in den verschiedenen Phasen ihrer tausendjährigen Geschichte öfter erklungen, schon die Bibel berichtet von derartigen Klängen, und wolilwollende jüdische Männer und christliche Wissenschaftler haben den Juden ein vollständiges Äufgehen und Aufgabe ihrer jüdischen Eigentümlichkeiten nahe gelegt, aber trotz vieler Abtrünnigen zählt das Judentum noch 15 bis 17 Millionen Anhänger, und seine religiösen Anschauungen und seine sozialen Richtungen finden gerade in unserer.jetzigen Notzeit wieder neue Geltung־, so daß inan trotz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.