Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die poetischen Genizafragmente in der Jüdischen Gemeindebibliothek Berlin
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 1)
- Language
- German
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J. Schümann : Die poet. Genizafragmenteind. Jüd.GemeincIebibl.Berlin 339 Die poetischen Genizafragmente in der Jüdischen Gemeindebibliothek Berlin. Von J. Schirmann. Es ist schon oft hervorgehoben worden, daß die Zahl der Veröffentlichungen aus Manuskripten der ägyptischen Geniza in gar keinem Verhältnis zur Bedeutung dieser einzigartigen Sammlung steht. Gewiß ist im Laufe von über dreißig Jahren eine ansehnliche Zahl wichtiger Genizatexte ediert worden, und Kataloge einiger Sammlungen — wenn auch von sehr ungleichem Werte — sind erschienen; doch was kann die gesamte geleistete Arbeit angesichts der Tatsache bedeuten, daß Tausende und Abertausende von Fragmenten bisher überhaupt noch nicht untersucht und beschrieben worden sind! Dabei ist ja die Katalogisierung des vorhandenen Materiales eine unumgängliche Voraussetzung für seine spätere Publikation und wissenschaftliche Verwertung. In ganz besonderem Maße gilt dies von den poetischen Texten. Innerhalb der Genizafragmente nehmen sie schon quantitativ eine überragende Stellung ein, so daß ihre Registrierung zu den dringendsten Aufgaben der jüdischen Literaturgeschichte gehören sollte. Nun handelt es sich aber bei den hebräischen Gedichten aus der Geniza zum kleinsten Teile um bloße philologische Kuriosa: die wenigen bisher veröffentlichten Texte beweisen eindringlich, daß diese Sammlung eine Fülle von künstlerisch oder 1 i t e r a r - historisch wertvollen Dichtungen enthält. Für die Geschichte der hebräischen Poesie im frühen Mittelalter darf sie heute als die Hauptquelle gelten. Ein bedeutsamer Abschnitt in der Entwicklung der religiösen Dichtung — die Zeit von ihrem Entstehen bis ins 12. Jahrhundert hinein — wird nach Erforschung des Genizamaterials in völlig neuem Lichte erscheinen. Auch für die Geschichte der weltlichen Poesie werden die Fragmente mehr als eine Überraschung bieten und langst verschollen geglaubten Dichtern und Dichtungen zu einem neuen Leben verhelfen. Bekanntlich liegen gegenwärtig die meisten Geniza-Fragmente in den Bibliotheken von England (Cambridge, Oxford, London), Rußland (Leningrad), Ägypten (Kairo, Sammlung Mosseri) und Amerika (New York, kleinere Sammlungen in Phila- 22*