Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Gebot und Mysterienhandlung
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 320 (sequence 2)
- Language
- German
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320 Michael Guttmann anderes wäre es, wenn man bloß auf Richtlinien hinweisen wollte, nach denen bisher christliche Religionshistoriker das Judentum des neutestamentlichen Zeitalters zu zeichnen pflegten. Aus den Richtlinien heraus würde sich für die Wertung Moores manch Wichtiges ergeben. Charakteristisch für die bisherigen Darstellungen ist vor allem das vergleichstheoretische Prinzip. Das Bild der jüdischen Religion wird nicht aus inneren Grundlagen und Ideengängen herausgearbeitet, sondern nach religionsvergleichenden Gesichtspunkten gezeichnet. Bei solchen Darstellungen ist es ohne weiteres verständlich, daß die Unterscheidungsmerkmale zwisehen einer Religion und der anderen das ordnende und organi״ sierende Prinzip bilden. Es wird also die wissenschaftliche Richtigkeit oder Unrichtigkeit der gewählten Merkmale für die Wertung des Systems selbst ausschlaggebend sein. Nun hat sich aber לס^ der Kritik der ersteren Werke ergeben, daß gerade die bestbetonten Untersuchungsmerkmale wenig Zwingendes in sich haben. Auf einige derselben wollen wir im besonderen . hinweisen. a) Einer der zugkräftigsten Maßstäbe für die Wertung einer Religion ist ihr Verhältnis zum Gedanken des Universalisraus. Nach dieser Richtung hin hat — so heißt es mit fast dogmatischer Einmütigkeit in den genannten Schulen bis Bousset —־ die jüdische Religion mit ihrer Umwelt verglichen, als partikularistische bzw. nationale Religion zu gelten1 *. Welchen Anteil zielstrebige Apologetik an dieser Ein- Schätzung hat, ist an anderer Stelle bereits ausgeführt worden. Hier soll bloß in aller Kürze darauf hingewiesen werden, daß der Partikularismus als Kennzeichen der jüdischen Religion schon bei den ersten Stichproben als hinfällig erscheint. Das tägliche Bekenntnis vom einig-einzigen Gott, die Einheit des Menschengeschlechts, die unmittelbar aus der biblischen Schöpfungsgeschichte fließt, die Nächstenliebe, die schon vor Jesus als universale Pflicht und als umfassendes Grundgebot aufgefaßt wurde, gehören zum eisernen Bestände der jüdischen Religion und sind die denkbar universalsten Elemente, die eine 1 Main vgl. Bousset-Greßmann, die Religion des Judentums3 S. 53 bis 96 (Universale Tendenzen und nationale Gebundenheit).