Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Benjamin Disraeli, Juden und Judentum
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 15)
- Language
- German
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166 Joseph Caro und naturwissenschaftlichen Zeitalters, beurteilt Disraeli von hier aus. Wer verficht heute noch starr Wellhausens Standpunkt, wer die Dogmen der naturwissenschaftlichen Philosophie? Ich glaube, Disraeli fährt nicht schlecht bei der Prüfung. Freilich irrte er, und wir kommen gleich darauf, in einem anderen Punkte, aber dieser Irrtum ist kein Beweis für seine Charakterschwäche. Man warf Disraeli Schmeichelei vor, namentlich Gladstone war empört über sein geradezu vertrautes und freundschaftliches Verhältnis zur Königin Victoria. Es ist oft eine üble Folge allzu früher Schriftstellerei, daß der Verfasser, wenn sein Erstlingswerk einschlägt, nie den Eindruck, den es gemacht hat, los werden kann. In Vivian Grey, geschrieben 1825/26, hat Disraeli das unwahre Bild eines Strebers gezeichnet. Was half es ihm, daß er ein Menschenalter später, 1853, in einer Neuaufläge, zu der er sich gezwungen sah, sein Jugend werk als Kunstwerk selbst preis gab? Die Geister, die er in der Jugend rief, wurde er noch im Alter nicht los. Und die Schmeichelei gegenüber der Königin? Die Schmeichelei ist höchst verwerflich, gewiß, aber ist es die Person nicht minder, die die Schmeichelei selbstgefällig über sich ergehen läßt, sie vielleicht sogar herausfordert? Ist sie nicht dumm obendrein? Bei einem Marquis von Carabas mochte sie verfangen. Aber was für ein Licht wirft es auf die Königin, wenn man ihr zuschreibt, daß sie Disraelis Schmeichelei nicht durchschaute, sich von ihr düpieren ließ? Die kluge und stolze Königin hätte ihrem Minister nicht unzählige Aufmerksamkeiten erwiesen, hätte ihm nicht in Hughenden Manor einen Besuch abgestattet, sie hätte nicht darauf verzichtet, in ihrem Brief an ihn, nach seiner Verabschiedung, von sich in der dritten Person zu schreiben, ihm gleichsam das Du angeboten und sich mit ihm auf gleichen Fuß gestellt, sie hätte über sein Hinscheiden nicht ernste, tiefe Trauer bezeugt und ihm das Grabdenkmal errichtet, wenn er ein vager Schmeichler gewesen wäre. Wir können hier auf das Verhältnis zwischen Monarchin und Minister nicht eingehen und verweisen auf Buckle (VI). (Schluß folgt)