Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Albert Lewkowitz ist für Herder ein sinnlich-geistiges Wesen, ־anlöslich der Natur verwurzelt mit seinen Sinnen und Leidenschaften, seinen, Trieben uria־ Begierden, und sich doch über sie erhebend in der Kraft der Humanität, der Vernunft, der Sprache als Ausdruck seines sinnlichgeistigen Wesens. Immer aber ist der Mensch ein Geschöpf mit individuellen Anlagen und Fähigkeiten, einem individuellen Boden der Geschichte entstammend. Je ursprünglicher der. Mensch ist,, desto mehr ist ei Individualität, besondere Prägung menschlichen Geistes, Angehöriger einer Familie, eines Stammes, einer Nation, einer bestimmten Kultur, Und doch ist es die eine Menschheit, die in der Vielheit der Sprachen und Kulturen menschliches Empfinden und menschliche Gedanken zum Ausdruck gestaltet, ist es die Bestimmung der Menschheit, zur innigen Gemeinschaft mit dem Ganzen der Menschheit sich zu entwickeln. Humanität, Menschlichkeit ist der Sinn des menschlichen Daseins. Die Vereinigung von Individualität und Universalität, ist die Aufgabe des wahren Menschen, wie die Natur ihn gewollt und die Geschichte ihn bildet. So entdeckt Herder den Menschen als Geschöpf der Geschichte und die Geschichte als Universalgeschichte der Menschheit. (Herder: Vom Ursprung der Sprache.) Weil die Sprache die wahre Offenbarung der sinnlichgeistigen Einheit des Menschen ist, ist die Poe si e die Mutterspräche der Menschheit, als Ausdruck der ewig sich erneuernden Jugendkraft menschlichen Fühlens und Strebens, zugleich Ausdruck der Individualität geschichtlich bestimmten menschlichen Seins, Volkspoesie, Nationalliteratur. Und nun erschließt sich Herder die Bibel nicht bloß in ihrem ewigen religiös-ethischen Gehalt, sondern zugleich als geschichtlich-individuelle Welt hebräischer Geschichte, als National־ literatur des jüdischen Volkes. Ihre Geschichtserzählung ist zugleich wahre Poesie,, voller Kraft und Tiefe menschlichen Empfindens, die das Herz wie den Blick erweitert, diesen ruhig und aufmerksam, jenes frei und fröhlich macht. Sie schafft Liebe, Teilnahme und. Mitgefühl mit allem, was lebt. Sie sieht überall den Gott Himmels und der Erden. ,,Das hat kein Grieche, kein Kelte, kein Römer!“ ruft Herder aus. Eine solche Poesie ist heilig, ist wahre Näturpoesie. Eine Hirtenpoesie, eine Bundespoesie, eine Freundschaftspoesie des Menschen mit Gott, eine Poesie