Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Sowjetrußland
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 456 (sequence 2)
- Language
- German
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456 kein klares Programm in der jüdischen nationalen Frage. Viele dachten an eine Russifizierung der Juden und wollten sich nur mit jüdischen Elementarschulen begnügen1. Erst als sich die nationale Politik der Sowjets herauszukristallisieren begann, lenkte man auch die Politik den Juden gegenüber in die allgemeinen Bahnen. Mit der Umwandlung der russischen Schulen in den Teilrepubliken in nationale (sogen. Ukrainisierung, Weißrussifizierung etc.)2 beginnt auch eine planmäßige Umwandlung der Schulen mit einer Mehrheit jüdischer Schüler in jiddische. Dabei ging dieser Prozeß viel langsamer als zum Beispiel bei den Ukrainern vor sich und verzögerte sich außerdem in den Großstädten noch weiter3. 2. Aufbau. Zunächst hemmte die schon erwähnte unklare Haltung der'Kommunisten selbst die ,, Jiddischisierung“. Ueberdies stieß die Nationalitätenpolitik der Kommunisten in bezug auf die Schule oft bei den Eltern der Kinder selbst auf Widerstand: so bei den Ukrainern, Weißrussen und anderen Völkern; in noch weit stärkerem Maße widersetzte man sich bei den Juden diesem Vorhaben; teils aus Angst, man werde in den jüdischen Schulen viel intensiver den Kampf gegen die Religion aufnehmen, in der Hauptsache aber deshalb, weil die höheren wie die Berufs- und Fachschulen in der Landessprache unterrichteten und so der Besuch einer jiddischen Elementarschule die Weiterbildung des Kindes erschwerte. Später begann mit der steigenden Zahl der jiddischen höheren Schulen die Opposition der Eltern nachzulassen. Die jüdische Schule hatte auch noch in anderer Hinsicht mit mehr Schwierigkeiten als die nicht jüdische zu kämpfen. Vor dem Kriege (1911) befanden sich auf dem Territorium des jetzigen Rußlands etwa 130 000 jüdische Kinder in Elementar- und Volksschulen und 33 000 in den Real- und höheren Schulen4. Somit war überhaupt nur etwa ein Drittel der Kinder im schulpflichtigen Alter in Schulen untergebracht. Zwei Drittel der Kinder (allerdings lernte mehr als die Hälfte davon im Cheder) besuchte gar keine Schule. Von den Zöglingen der Elementar- und Volksschulen besuchte etwa nur ein Viertel Regierungs- und städtische Schulen, die übrigen gingen in gesellschaftliche und private Anstalten, die durch die 1 Vgl. Lewitan in: Die rojte Welt. 1926. H. 4, S. 64 f. 2 Ueber die russische Schule im allgemeinen vgl. N. Hans u. S. Hessen: Educational policy in Sowiet Russia. London 1931; W. T. Goode: Schools teachers and Scholars in Sowiet Russia, London 1929; Th. Seibert: Das rote Rußland. 1931. S. 38 ff., 132 If.; Fr. Karsen in: Politik und Pädagogik im Ausland (Schriftenreihe zur polit. Propädeutik hrsg. von J. Strunz, Bd. 3), 1931, S. 114—134. 3Nationalitäten u. Schulen in den Städten der Ukraine. Prozent in der Gesamtbev. Prozent in d. Schulen mit der Städte national. Unterrichtssprache 1923 1924 Juden. 32,4 6,1 8,6 Ukrainer . . . . 28,5 25,0 33,6 Russen. 33,6 52,1 42,8 (Blätter f. Demographie, Statistik u. Wirtschaftskunde d. Juden. Nr. 5, S. 127.) 4 Berechnet nach den Angaben der Evreiskaia Enciklöpediia (XIII; 57 £.) für ganz Rußland.