Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 385 (sequence 2)
- Language
- German
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385 Stückes als Denkschrift eines gewissen Tab’el zur Verteidigung der Juden. Esra und Nehemia haben nicht gleichzeitig und gemeinsam gewirkt, aber bereits für den Chronisten, das heißt also nur wenig mehr als ein Jahrhundert später, sind diese beiden Männer und ihr Wirken zeitlich und sachlich zusammengehörend. Von ganz besonderer Bedeutung ist die Würdigung Esras. Verfasser wendet sich gegen die erklärlicherweise vielfach herrschende Anschauung, die in Esra den Totengräber der prophetischen Religion und in dem auf Esra fußenden und sich weiter entwickelnden Judentum die Verengerung, Verknöcherung und Erstarrung sieht. Gerhard Kittel hat in seinen Problemen des palästinischen Spätjudentums den ernsthaften Versuch gemacht, sich von dieser vorgefaßten Anschauung zu lösen. Daß dieser Versuch nur teilweise geglückt ist, ist erklärlich. Schaeder steht dem Problem mit freierem Blick gegenüber, vielleicht weil er es nicht als Theologe, sondern historisch faßt. Er zeigt, daß Esra mit sicherem Blick erkannt hat, daß der prophetische Geist, nur wenn er als Gesetz in das Bewußtsein aller eindrang, wirksam bleiben konnte, und daß nur in voller Loyalität dem persischen Staate gegenüber die Erneuerung der Gemeinde möglich war. Esra hat das Erbe des Prophetismus gewahrt und gleichzeitig die Prophetie mit ihren Gefahren ausgeschaltet. Der geistige Gehalt der neuen Gemeinde ist in dem Buche der Thora gegeben. Mit Esra tritt das Judentum in seine weltgeschichtliehe Rolle ein, indem es den Streit um die Macht den anderen überläßt und sich auf den Geist zurückzieht. Esras Leistung wie die spätere Leistung des Judentums erklärt sich aus der Stellung zwischen zwei Kulturen, aus dem Spannungsverhältnis dieser beiden. Esras Persönlichkeit wird ganz besonders aus seinem Verhältnis zur Geschichte erklärt, während andere Religionsstifter und Reformer eine primär ahistorische Haltung zeigen. Zu Einzelheiten ein paar Bemerkungen. Kuglers von Schaeder S. 12 Anm. aufgenommene Argumentation, daß aus dem Fehlen der Erwähnung nicht geschlossen werden darf, daß der Versöhnungstag erst nach Esra entstanden ist, ist zutreffend. Dagegen scheint die Annahme, Esra habe für dieses Jahr wegen der mangelnden Eignung des Hohepriesters den Versöhnungstag nicht feiern lassen, unmöglich zu sein. Es wäre seltsam, wenn Esra die Thora promulgiert und sofort eine wesentliche Bestimmung vorübergehend außer Kraft gesetzt hätte. Mit welchem Rechte hätte er, der niemals prophetische Inspiration für sich in Anspruch nahm, sondern stets auf die Thora zurückgriff, eine solche Maßregel treffen können? Vielmehr dürfte die Feier des Versöhnungstages stattgefunden haben. Aber wegen der dem Werke Esras, der Erneuerung der Gemeinde auf Grund der Thora, feindseligen Haltung des Hohepriesters hat Esra die Erwähnung dieser Feier in seinen Denkwürdigkeiten unterlassen. Sie war ihm nicht mehr als ein Opus operatum. Den eigentlichen Bußtag hat er nach Abschluß der Fest- Zeiten veranstaltet. Hierfür wie für die Nichterwähnung* des Versöhnungstages ist noch ein zweites Moment bestimmend gewesen. Esras Werk war, was Schaeder meines Erachtens nicht voll erkannt und gewürdigt hat, trotz Weihegeschenken usw. nicht sowohl auf die Hervorhebung von Tempel- und Priesterdienst als vielmehr auf die religiöse Durchdringung der Gemeinde gerichtet. Die Umwandlung des Judentums in eine Laienreligion hat ihren Ursprung in dem Werke Esras. Sind doch bei den Versammlungen die Priester überhaupt nicht erwähnt, ja allem Anschein nach vollständig ausgeschlossen gewesen. Und die Tatsache, daß diese Versammlungen außerhalb des Tempelbezirks ohne Opfer stattgefunden haben, zeigt offenkundig die Tendenz Esras. Es ist hier nicht der Ort, die vorwärts treibenden wie ganz besonders die retardierenden Momente der späteren Entwicklung aufzuzeigen. — Zu S. 41 siehe mein Thora, Propheten, Weise in Cohen-Festschrift S. 39,' zu genauerer Bestimmung von יועץ und מבין. Dort ist auch auf das spätere Wiedereintreten der Bezeichnung חכם für den Gelehrten anstelle סופר hingewiesen. — Wesentlich sind die Bemerkungen 8. 43 über den Gebrauch des aus dem Hebräischen übernommenen כהנא für den jüdischen Priester, während für die nichtjüdischen Priester das aramäische Wort כומרא verwendet wird. — S. 44: Der Nachweis, daß Thora bereits in der persischen Zeit von den Juden ebenso wie später bei den LXX durch ״Gesetz“ wiedergegeben ist, ist von Wichtigkeit. Offen bleibt die Frage, die umso dringender der Untersuchung bedarf, nach den Motiven für diese Umschreibung. Denn wie Schaeder selbst anerkennt, ist Thora keineswegs Gesetz, sondern Weisung. — S. 44: אלד. שמיא Monatsschrift, 75• Jahrgang. 25