Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Problem des göttlichen Willens in der Schöpfung nach Maimonides, Gersonides und Crescas
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 336 (sequence 2)
- Language
- German
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336 der die Welt aus einer ewigen, präexistenten, von ihm unabhängigen Materie geformt hatte. Diese letzte Ansicht, in Verbindung mit Platos Timaeus1, ließ eine Anzahl Theorien über den Prozeß aufkommen, durch den diese formlose Materie zum wohlgeordneten und harmonischen Universum geformt wurde. Von dem Kausalgesetz ausgehend, daß Gleiches Gleiches erzeugt2, konnte nicht zugegeben werden, daß Gott, als einfache, immaterielle und unkörperliche Ursache, unmittelbar auf eine zusammengesetzte Materie einwirken oder auf direktem Wege die unzähligen Formen der Natur hervorbringen könne. So entstanden die neuplatonischen Emanationstheorien, die den niederen Ursachen, die als Mittler der ersten Ursache wirken, schöpferische Kräfte zuschrieben, und welche lehrten, daß die Welt das Ergebnis einer Folge von Ursache und Wirkung sei, bis das niedrigste Reich, das Reich der Körper und der Materie, entstand. Aber das ist nicht alles. Abgesehen von der Aufgabe, die philosophischen Anschauungen mit dem biblischen Bericht in Einklang zu bringen, mußte der Religionsphilosoph das Problem noch im Zusammenhänge mit dem Glauben an die biblischen Wunder betrachten, die allem Anschein nach ein Eingreifen Gottes in das Naturgesetz von Ursache und Wirkung bedeuten — ein Glaube, mit dem die religiöse. Ueberzeugung stand und fiel. Waren die philosophischen Lehren über die Schöpfung mit den Grundlagen der biblischen Religion vereinbar? Ueber diesen Punkt gingen die Ansichten auseinander. Maimonides zieht eine scharfe Grenze zwischen der aristotelischen und der platonischen Theorie. Die Ewigkeit der Welt, wie Aristoteles sie lehrt, kraft deren ,,Gott, selbst wenn er wollte, nicht den Flügel einer Fliege verlängern könne"3, — wobei er die Dinge bis zum völligen Ausschluß des Uebernatürlichen auf unerbittliche eherne Naturgesetze zurückführt, — kann, so erklärt Maimonides, überhaupt nicht diskutiert werden; denn dies würde zur Ablehnung der gesamten Thora führen. Die platonische Theorie andererseits, die seiner Meinung nach die Möglichkeit des Wunders zugibt, ist zulässig, obgleich sie in Ermangelung eines bündigen Beweises zugunsten der wörtlichen Auffassung der Genesis zurücktreten sollte4. Gersonides jedoch nimmt, wenn auch mit einigen Modifikationen5, die platonische Lehre von der präexistenten Materie endgültig an, während Crescas, indem er Maimonides und Gersonides kritisiert, die aristotelische Ewigkeitslehre in den Grundlagen des Judentums enthalten sieht, —vorausgesetzt, daß die Schöpfung als notwendige Emanation nicht der Natur, sondern des göttlichen Willens betrachtet wird. 1 Timaeus 29 und 53. Ob auch Plato die Ewigkeit der Welt lehrte, ist bei alten und neuen Philosophen Gegenstand der Diskussion, s. Munk, Guide II, S. 111, Anm.; Zeller, a. a. O. (1922) II, 1, 27ל Anm. 2—4, wo die reiche Literatur über die Kontroverse verzeichnet ist, und Ueberweg-Prächter, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I, Das Altertum (1926), 315. 2 s. unt. S. 343, Zeile 36. 3 Moreh II, 22: אלו בקש להאריך בגף זבוב או לחסר רגל תולעת לא היה ייכול. 4 Moreh II, 25, s. unk S. 339 Z. 33 ff. 5 Er spricht dem Urstoff die Qualität der Ausdehnung ab. Milchamoth VI, 1, 17.