Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 3)
- Language
- German
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236 wurden auf Judenlandtagen unter dem Schutz der Obrigkeit die Interessen der Landesherren erörtert und die Steuern festgestellt; aber auch innere jüdische Angelegenheiten wurden auf diesen Tagungen geregelt, wie gottesdienstliche Verhältnisse und Unterricht der Kinder. Die Tätigkeit der in vielen Gemeinden bestehenden Vereine erstreckte sich hauptsächlich auf die Liebestätigkeit für die Lebenden und die Toten, auf Krankenpflege, Ausstattung armer Bräute und den Jugendunterricht. Talmudhochschulen wurden vielfach unterhalten, da die Förderung jüdischen Wissens als wichtigste Pflicht erschien. Die Tätigkeit zahlreicher rheinischer Juden in der Heilkunde ist besonders hervorzuheben. Neben Autodidakten, die von Kurpfuschern kaum zu unterscheiden sind, erscheinen seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts manche Mediziner, die sich an deutschen Universitäten den Doktortitel erworben hatten; zu diesen gehörte seit 1727 auch die rheinische Universität Duisburg. Die Aufklärungsbewegung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch in das katholische Rheinland eindrang, hat an den Verhältnissen der Juden in Kurköln und Kurtrier wenig geändert, dagegen in Kurmainz unter dem letzten Kurfürsten Friedr. Karl Jos. von Erthal im Gerichts- und Schulwesen eine bedeutende Besserung zur Folge gehabt. Auch der Erwerb von Grundbesitz und der Betrieb des Ackerbaues war ihnen gestattet. Grundlegend waren die Aenderungen, die das Eindringen der Franzosen in den rheinischen Verhältnissen hervorrief, da sie 1791 in ganz Frankreich die Juden zu vollen Staatsbürgern gemacht hatten, wodurch dasselbe auch für das 1801 einverleibte linke Rheinufer der Fall war. Seit demselben Jahre erfolgte die Liquidierung der Schulden der jüdischen Gemeinden, die wegen der territorialen Veränderungen außerordentliche Schwierigkeiten verursachte. Ihr verdanken wir die interessante Statistik 1806—08 über die Zahl der Juden in den linksrheinischen Departements, welche für Donnersberg 2057, Saar 1066, Rhein und Mosel 4063, für Roer 5484 jüdische Familien ergab. Mit Ergänzung für das rechtsrheinische Gebiet außer Hessen kann man für Mittel- und Niederrhein die jüdische Bevölkerung auf über 80 000 Seelen um die Jahrhundertwende schätzen. Infolge ihrer Einverleibung in Frankreich nahmen die linksrheinischen Juden am großen Sanhedrin i. J. 1807 teil, der aus 46 Rabbinern und 25 Laien bestand. Aber Napoleon nahm auf dessen Ratschläge keine Rücksicht. Die Ausnahme- Stellung der Juden wurde durchaus nicht beseitigt; namentlich die Wehrpflicht traf sie härter wie andere. Jedoch trat 1808 die Konsistorial Verfassung in Kraft und half das jüdische Gemeindeleben erhalten und wahrte den Zusammenhang zwischen den Gemeinden. Aber eine Gleichberechtigung bestand unter Napoleon sowohl bei den direkt einverleibten Gemeinden wie im Großherzogtum Berg nur in einem beschränkten Niederlassungsrecht. Für die Einordnung in den Staat war die 1808 befohlene Annahme beständiger Familien- und Vornamen von erheblicher Bedeutung. Als Preußen 1815 Besitz von der Rheinprovinz ergriff, zählte die jüdische Bevölkerung etwa 20 000 Seelen; sie wurde dem allgemeinen preußischen Landrecht unterworfen, wodurch ihr die wichtigsten staatsbürgerlichen Rechte versagt blieben. Der von Kober aktenmäßig geschilderte Fall des Gerichtsvollziehers Philipp Benedict von. Heinsberg gibt hierfür ein sprechendes Beispiel. Ursprünglich waren auch die rheinischen Provinziallandtage den Juden abgeneigt; nur 8 Stimmen wurden 1837 für die Emanzipation abgegeben. Aber die mächtig angewachsene liberale Strömung in dieser Körperschaft sprach sich auf dem 7. und 8. Rheinischen Provinziallandtage 1843 und 1845 mit großer Mehrheit für die Vorbereitung der völligen Gleichstellung aus, die aber in Preußen erst 1869 durch die Verkündigung der deutschen Grundrechte verwirklicht wurde. Köln. Herrn. Keussen. Rudolf Hallo: Geschichte der Familie Hallo. Kassel. Privatdruck. 1930. Ein erfreuliches Zeichen der Zeit ist das wachsende Interesse für Familiengeschichte. Noch erfreulicher aber ist es, wenn die Geschichte einer Familie eine wissenschaftliche Darstellung erfährt, die nicht nur für diese, sondern für die Allgemeinheit Bedeutung hat. Ein solches Werk liegt in der Arbeit von Rudolf Hallo mit dem Untertitel: ,,350 Jahre aus dem Leben einer deutschen Hofjuden- und Handwerkerfamilie“ vor. Rudolf Hallo gibt uns nicht nur in knappen Worten den Stammbaum seiner Familie, sondern läßt an unserem geistigen Auge die jüdischen Gemeinden Prag, Großglogau, Berlin, Halle,