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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 3 · p. Seite 228

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 3
Article
[Rezension]
Date
1931-01-01
Page
Seite 228 (sequence 5)
Language
German
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228 vermögen die Enttäuschung, die das Buch hervorruft, nicht zu verringern. In die Reihe der Romane historischen Gehalts sei auch Lunels tragikomischer Roman ״Nicolo-Peccavi“ gestellt, dessen Untertitel ,,Weltgeschichte in Carpentras“ eine Doppelbedeutung in sich schließt: ״Weltgeschichte‘4 bedeutet einmal die Dreyfußaffäre und die durch sie hervorgerufene antisemitische Bewegung in einer kleinen südfranzösischen Stadt, und Weltgeschichte bedeutet hier außerdem die Nachwirkung eines Stückes jüdischer Geschichte des Mittelalters auf die Gegenwart. Beides verknüpft sich miteinander in der Gestalt des Nicolo-Peccavi, des traurigen ״Helden“ der Erzählung, dem etwas spukhaft Verzerrtes, unheimlich Wandlungsfähiges anhaftet, etwas Komödiantenhaftes und zugleich Unglückliches. In diesem Judenabkömmling und geschworenen Judenfeind wird das Blut seiner Vorfahren und seine eigene Zwiespältigkeit lebendig, wenn er heimlich für Dreyfuß Messen lesen läßt und sich nach außenhin als der schärfste Antisemit betätigt. An seiner Zwiespältigkeit und Entwurzelung geht Peccavi zugrunde, aber ihm, der soviel an seinem Selbst und durch sein Selbst gelitten hat, wird nach des Dichters Meinung Gott verzeihen. — In der Darstellung wie in der Idee ist hier ein glücklicher Zusammenklang überlegener Ironie und ernsten Gehaltes gegeben, so daß die Bezeichnung des Romans als eines ״tragikomischen“ zu Recht besteht. Dr. Lotte Barschak. Hanna Emmrich5 Das Judentum bei Voltaire. (Sprache und Kultur der germanisch-romanischen Völker. Herausg. von Wilhelm Horn, Paul Merker und Fritz Neubert. G. Romanische Reihe. Unter Leitung von Fritz Neubert. Band VI.) Breslau, Priebatsch, 1930. 263 S. Preis 12 Mk.; für Mitglieder der Ges. zur Ford. d. Wiss, d. Jud. bei direkter Bestellung Mk. 9,30. I, 1. Voltaires Bibelkenntnisse• Voltaire bekundet ganz bewunderswerte Aufmerksamkeit für die Bibel. Wir dürfen ihn getrost bibelfest rühmen. Viele Bestandteile der heutigen Bibelwissenschaft begegnen uns bei ihm. Natürlich bietet er dabei nicht die Ergebnisse eigener Forschung, sondern beutet mit viel Verständnis, Geschick und Nutzen aus, was seine Vorgänger geleistet. Hanna Emmrichs Buch mag hierin als Beitrag zur Geschichte der Exegese im 18. Jhdt. dienen. Hie und da überrascht uns Vorahnung heutiger Anschauung. Wo das geliebte Mädchen im Hohenlied sagt: der König bringt mich in seine Gemächer, erklärt Voltaire ״König“: ״C’est — le roi du festin, c’est le paranymphe, c’est le maitre de la maison“ (Emmrich S. 66), — dies klingt wie Vorahnung Wetzsteins. Verfasserin stellt die Vor- Stellung Voltaires über die Entstehung der einzelnen Bücher der Bibel höchst übersichtlich zusammen (50—69). Voltaire steht der Bibel feindlich gegenüber. Doch es gab eine Zeit, wo seinem Leben Pentateuch und Ariost Reiz verliehen (8. 126 f.). Idyllisch schön findet er die Patriarchengeschichten (8. 124), rührend die Josephserzählung, rührender als Homer. Bezeichnend für den klassizistischen Dramendichter, der die Poetik des Aristoteles verehrt: daß er das Rührendste in der Wiedererkennung, der dvoqfywpiatc;, erblickt (S. 125). Warme Anerkennung zollt Voltaire dem Buche Hiob. Er hält es für das vielleicht wertvollste und älteste Buch, welches diesseits des Euphrats geschrieben worden ist, für älter als Pentateuch, ja als Moses, für das älteste der uns bekannten Bücher überhaupt. Es stamme von einem Araber aus Idumäa, daher in ihm mehr als 100 arabische Worte, ja ganz arabische Sätze1 (65 f.). Trotzdem spricht er dem Buche ״methode, justesse, precision“ ab (S. 119). Das Buch Ruth würdigt er warm wie Goethe im Westöstlichen Diwan; weder Homer noch Hesiod gehen einem zu Herzen wie die Worte, mit denen sich Ruth an Noemi schmiegt: dein Volk sei mein Volk . . . (124 f.). Auch sein Urteil über Esther ist zutreffend: das Schicksal der Heldin eignet sich für Roman und 1 Vielleicht folgt Voltaire hierin dem Kirchenvater Hieronymus, der ähnlich wie Ibn Ezra das Buch Hiob für eine Uebersetzung aus dem Arabischen ansieht.

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