Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Mittelschulen in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 14)
- Language
- German
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222 An diesem Punkte verdienen die geschichtlichen Tatsachen der Schulgründungen eine allgemein jüdische, politisch-kulturelle Betrachtung. Stellen sie die vielgenannte Renaissance des Judentums vor? Stehen wir vor einer Neugeburt des ewig alten, ewig jungen Volkes? Der wirtschaftliche, gesellschaftliche, oft sittliche Niedergang großer Massen in Ost und West scheinen Nein zu sagen; die trotzdem erfolgenden beispiellosen Kraftanstrengungen, das vielfach erwachte Interesse an der hebräischen Sprache, an der Kultur der Väter — das wir auch in unseren Schulen überall beobachten konnten — sind Zeichen ernsten Lebenswillens. Aber noch sind diese jungen Geschöpfe über die ersten Kinderschritte nicht hinaus, noch kämpfen sie mit Schwierigkeiten des Geistes und des Stoffes, kaum eines kann als innerlich und äußerlich gefestigt angesehen werden. Meiner Ansicht nach wird diese sinnen- und nervenerregende Fragestellung nach der Zukunft des jüdischen Volkes und der jüdischen Schule nicht in unserem westeuropäischen Rahmen ihre Antwort finden, der bloß typenhafte, symptomatische Ausschnitte aus der Fülle der möglichen Lösungen darstellt. Ihre Entscheidung liegt in dem viel organischer entstandenen und seit Kriegsende in mächtigem Schwünge aufschießenden jüdischen Schulwerke des europäischen und asiatischen nahen Ostens, der russischen Randstaaten und des Heiligen Landes, dessen Beschreibung wir wohl in den nächsten Heften der ,,Monatsschrift" erwarten dürfen. Anhangsweise möchte ich noch einen Blick auf zwei belgische Schulen werfen. Die 1903 organisierte ,,Vereinigte israelitische Real- und Religionsschule Jessode ha-Thora in Antwerpen (Anvers), die, wie ich 1914 schrieb, ,,zu einer 9 klassigen belgischen Volksschule ausgebaut und unter Aufsicht der Regierung gestellt werden Sollte", hat inzwischen Oeffentlichkeitsrecht erhalten; sie besitzt im eigenen Schulgebäude (Lange Van Ruusbroec straat 22) eine flämische Abteilung mit 8 Klassen, eine französische mit 4 Klassen, eine Jeschiwa und einen Kindergarten. Insgesamt wird die Schule von 400 Schülern besucht, die allen Schichten der Bevölkerung angehören. Es wird täglich in 4 Stunden profaner und in 4 Stunden hebräischer Unterricht erteilt. Dementsprechend sind ein Direktor und 12 Klassenlehrer für den profanen und 10 Lehrer für den hebräischen Unterricht tätig. Letztere werden vom schulerhaltenden Schulrat besoldet, die ersteren vom Staat, der samt der Stadt Antwerpen die Hälfte des ca. Frs. 650 000 betragenden Jahresetats deckt. Das übrige wird durch Mitgliedsbeiträge eines Schulvereines, durch Spenden und durch Unter- Stützung der Gemeinde Machsike-Hadass aufgebracht, welche von ungarischen und deutschen Juden gegründet, eine Art autonomer Religionsgesellschaft bildet. Die andere jüdische Lehranstalt nennt sich ״Tachkemon i", dem Namen und dem Geiste nach der Jaffaer Schule verwandt, mit der Antwerpen anscheinend schon früher in Verbindung gestanden hat. Gegründet wurde diese Anstalt durch Beschluß der israelitischen Gemeinde Antwerpen am 17. August 1920 und im Herbst desselben Jahres mit 5 hebräischen und 4 profanen Klassen