Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Mittelschulen in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 1)
- Language
- German
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209 Die jüdischen Mittelschulen in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Von Dr. A. F ü r s t in Budapest. Als Fortsetzung und Ergänzung meiner ,,Jüdischen höheren Schulen Deutschlands“1 möchte ich in folgendem ein knapp zu״ sammengefaßtes Bild des jüdischen Mittelschulwesens geben, wie es sich auf dem Gebiete der ehemaligen österr.-ungarischen Monarchie entwickelt hat. War schon dieses Gebiet von jeher ein buntes Gewirr von Völkern und Sprachen, so hat die Neuordnung der politischen Verhältnisse nach dem Kriege die Verschiedenheit der einzelnen Länder noch mehr hervorgehoben. Naturgemäß suchte sich das Judentum in seinem Schulwesen meist den neuen Umständen anzupassen, in Geist und Sprache den selbständig gewordenen Volksstaaten Rechnung zu tragen; daneben macht sich aber in den Nachfolgestaaten — mit Ausnahme Ungarns — das Bestreben geltend, die Folgen aus dem plötzlichen Wechsel des Imperiums und dem daraus folgenden Patriotismus zu ziehen und den jüdischnationalen Standpunkt einzunehmen. Deshalb bietet die Reihe der Schulen — deren statistische Daten ich in einer tabellarischen Uebersicht diesmal dem Texte voranschicke — ein noch abwechslungsreicheres Bild, als die in ihrem inneren und äußeren Aufbau immerhin einheitlicheren, gleichmäßigeren deutschen Lehranstalten.!•Ungarn. Isr. Höhere Handelsschule, Nagykanizsa. Nahe zur südwestlichen Grenze des verkleinerten Ungarns befindet sich heute die älteste jüdische Mittelschule des Landes, die einzige, die von Anfang an Jünglinge für den Handelsberuf heranbildete und bildet. Als Mittelpunkt eines blühenden Tauschverkehres zwischen der Produktenreichen Szala und den benachbarten Kronländern Steiermark, Kärnten und Kroatien, war die heute 25 00Q Einwohner zählende Provinzstadt mit ihrer meist jüdischen Kaufmannschaft zu gewissem Wohlstand gelangt. Die jüdische Gemeinde, früh von dem Geiste der Aufklärung berührt, hatte sich eine zu Zeiten Josefs II. begründete Volksschule — wohl mit Unterbrechungen — erhalten, und besaß in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Vorbereitungsklasse für Kinder von 4 Jahren, sowie 3 Klassen zu je zwei Jahrgängen. Im Jahre 1840 vollzog sich ein wichtiger Schritt in der Emanzipation der ungarländischen Juden, die Gemüter waren voller Zuversicht und Opferwilligkeit: das Zeitalter der freudigen Assimilation war angebrochen. Deren bewußtester und bedeutendster Vertreter, der große Leopold L ö w, kam im folgenden Jahre als Rabbiner nach Nagykanizsa und seinem begeisterten Eintreten für die Schule ist es zu danken, daß sie nicht bloß um zwei weitere Jahrgänge erweitert und durch eine Mädchenschule ergänzt wurde, sondern daß die Gemeinde auch ein hübsches, hygienisches Schulgebäude auf führen ließ, in dem die Handelsschule bis heute untergebracht ist. 1 Siehe S. 48 ff. Monatssdirfft, 75. Jahrgang. 14