Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 467 (sequence 1)
- Language
- German
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,1-67 Daniel Völtei־: Glozel und die Einwanderung von Semiten im heutigen französischen Departement Allier um 700 v. Chr., Straßburg 1929. In dem kleinen, aus ־wenigen Häusern bestehenden französischen Orte Glozel (Departement Allier) wurden 1924 zahlreiche Funde gemacht, deren Bedeutung strittig ist. Die Einen (Reinach und andere) sina der Meinung, daß die Inschriften auf 3 bis 4000 v. Chr. zurückgehen. Andere halten die Funde für eine Fälschung; das taten z. B. R6ne Dussaud und der Chemiker Bayle, welcher drei in Glozel gefundene Täfelchen untersucht hat. Hier steht nicht die Frage zur Diskussion, ob die Glozelfunde eine Fälschung sind, sondern die Bedeutung der Inschriften. Der Verfasser ist nämlich der Meinung, Reinach habe insofern gefehlt, als er keine Versuche angesteilt hat, die Inschriften zu entziffern. Er wäre sonst, gleich ihm, zur Einsicht gekommen, daß Glozel um 700 v. Chr. eine Semitenkolonie war. Tatsächlich erschließt Völter dem Auge des Lesers eine neue Welt! Wir bekommen Grabinschriften zu lesen, wir werden Augenzeugen des geschäftlichen Treibens der emsigen Semiten in Glozel. Auch die dortige Schule öffnet vor uns ihre Tore, und wir werden in Stand gesetzt, den Lehrstoff näher zu untersuchen. Ebensowenig bleibt uns das religiöse Leben verschlossen. Eine schwungvolle Grabinschrift lautet: ״Sakaph ist begraben. Wehe deinem Freunde! Die Erinnerung hat mich bewogen oder getrieben“ (nämlich diese kleine Gedenktafel aufzustellen). — Der Name Sakaph klingt etwas sonderbar; eigentlich hieß der Tote Zkph (S. 25) (= ,,er richtet auf“). Allein schon S. 26 lautet der Name Sakaph. — Andere Täfelchen enthalten ,,im Rekiamstil“ redigierte Texte (S. 38). Wieder andere bieten sonderbar lautende Eigennamen. So heißt es: ,,Zag (der Schmelzer) hat dem Naloz (dem Dolmetscher?) zum Umherziehen gegeben eine Sichel, einen Doppelhaken, einen Schöpfeimer, eine Schleuder, ein Messer zum Scheren und zum Abschneiden des Laubs“ (S. 43). Die Lexikographie wird um ein neues Verbum bereichert: ״dainag“. ,,Es sieht aus wie eine volkstümliche Komposition aus dl und dng, wobei dal das Aermliche, danag bzw. ng das Weiche andeutet“ (S. 34). — Weisheitsspräche aus Glozel: ,,Der Habicht oder Falke durchschneidet den Fisch.“ — ,,Der Regen benetzt“ (S. 59). — Frankreich hat auch eine Art Sinai, denn ein Ort führt den Namen seil Dorn (oder Dornhecke) (S. 61). Leider wurde dieser Ort zerstört. Auf einem Täfelchen heißt es nämlich: ,,Blendend weiß ist der Fisch. Verbrannt oder zerstört ist Sen.“ Die Glozel-Inschriften enthalten auch vokalisierte Texte. Zum lieben Herrgott stehen die Glozelianer in einem Verhältnisse großer, fast möchte ich sagen, allzugroßer Vertrautheit! So benennen sie ein Pferd Har-Schaddaj Berg des Allmächtigen. Selbstverständlich ist Schaddaj ,,die hebraisierte, durch Ausschleifung des p, Verdoppelung des d und Ersetzung der Endung u durch die Endung ai entstandene Form aes ägyptischen Gottesnamen Sapdu“ (S. 84) (Grimmes Theorie!). — Von diesem Pferde heißt es in einer Inschrift: ,,Zum Erzählen. Es erbricht oder öffnet Har-Schaddaj die Tür. Er steckt den Leib hinein in die Wohnung. Er streckt sich aus und wiehert, er entleert den Leib und läuft schnell weg nach der Wassergrube oder dem Brunnen“ (S. 83). — Ein anderes Pferd führt einen geographischen Namen: Midjan. Dieser Vierfüßler wird in folgender Inschrift verewigt: ״Midjan läuft oder ist gelb (von gelber Farbe). Sein Körper ist gewaltig. Den Wassertrog zerschlägt er, das Sieb zerstampft er, den Misthaufen schlägt er auseinander, den Zaun des Gartens beschmiert er, das Seil zerreißt er, die Fessel zernagt er“ (S. 91). — Neben Schaddaj als Gottesbeziehungsweise Pferdename kommt auch Jahu vor. So heißt es unter der Zeichnung einer Garbe: ״Es tönt das Lied der die Frucht Aufhäufenden: Hocherhaben ist der Baal oder Herr der Ernte, Jahu“ (S. 107). — Es erhebt sich die Frage, auf welchem Wege Verf. zur Entzifferung dieser sonderbaren Inschriften gelangte. ״Das Alphabet von Glozel — d. h. das vom Verf. herausgeschälte und rekonstruierte Alphabet — ist. ein merkwürdiges Konglomerat, das Altes und Junges, Eigenes und Fremdes in seltsamer Mischung nebeneinander enthält. Man kann es nur als ein unnatürlich überladenes und verwildertes Alphabet bezeichnen“ (S. 132). Danach bedarf die Frage nach der Authentizität der Inschriften keiner weiteren Erörterung. Denn es ist sicher, daß wir Schrift Zeichen vor uns haben, die den alten, aber auch solche, die den ganz modernen Schriftsystemen zu eigen sind. Demgemäß 30*