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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 466

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Musikalische Rundschau [Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 466 (sequence 3)
Language
German
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Es ist sehr zu beklagen, daß die Gesänge Sulzers in Deutschland ganz in den Hintergrund gedrängt sind. Das vorliegende Büchlein kann in der jetzt mehr denn je aktuellen Frage des Gemeindegesanges sehr wirksame Hilfe leisten, III. Das Judentum in der Musik von Heinrich B e r 1. (Deutsche Verlags- Anstalt, Stuttgart, Berlin und Leipzig.) Ein bemerkenswertes Buch, allein schon durch den Titel, der der bekannten Schmähschrift Richard Wagners entlehnt ist, die eine der ärgsten Felonien der Weltliteratur darstellt. Wenn ein in den letzten Tagen erschienenes Buch von Dr. S. Levy den gleichen Titel übernimmt, so zeigt sich in dieser Duplizität m. E. nichts anderes, als eine Art Haßliebe. Denn vergeblich zu leugnen: Wagner hat auch jetzt noch keine begeisterteren Anhänger, als Juden und Judenfreunde. Die anderen nutzen ihn als Hetzapostel aus, — unsere Herzen schlagen dem großen schöpferischen Geist entgegen und überwinden, wenn auch mit Zorn und Schmerz, die Niedrigkeiten des Menschen. Berl (trotz dieses Buches und des Namens ein Nichtjude!) stellt sich drei Aufgaben: 1. die Musik des Ostens im Gegensatz zu sehen zur Musik des Westens, 2. die ,,jüdische Musik“ als zur Musik des Ostens gehörend darzustellen, 3. die ,,jüdische Pseudomorphose“ als wesentliche Ursache der asiatischen Krise in der europäischen Musik seit der Romantik zu erweisen. Berl spricht es aus: ,,Wagner hatte psychologisch recht, vom Wert aus gesehen aber unrecht. . . . Denn man kann einem Volk mit ausschließlich musikalischer Substanz nicht vorvrerfen, daß seine Musikalität wertlos sei“. Gesteht er also den europäischen Juden auch eine hohe musikalische Potenz zu, so negiert er doch ihre europäische Seele. ,,Das Judentum in der Musik ist nichts anderes als das Problem einer morgenländischen Pseudomorphose innerhalb der abendländischen Musik. Mit dem Auftreten des Judentums in der Musik beginnt die romantische Krise. Mit seiner Absonderung wird sie enden.“ Das Ziel, das der Jude als der Erreger dieser ,,asiatischen Krise“ in der Musik vermitteln soll, ist ״die Befreiung der Stimme und des Menschen“. So kann ,,eine neue Klassik aus der Berührung des Westens mit der Landschaft des Ostens entstehen. Den wesentlichsten Unterschied zwischen abend- und morgenländischer Musik sieht Berl darin, daß die erstere ״durch die progressive Entwicklung der Harmonie in die Lage kam, die Welt der Erscheinung zu beherrschen und sie innerhalb ihres eigenen Organismus nachzuahmen; die abendländische Musik kann schlechthin alles Gegenständliche und alles Psychologische nachahmen“. Der morgenländischen Musik hingegen ,,sind Rhythmus und Melodik primär, eine Welt der Harmonie existiert für sie nicht. . . . Ihre Welt ist nicht das Gegenständliche, sondern das Zuständliche. Sie erzeugt einen bestimmten Zustand des Erlebens, kein Visuelles“. In sehr ausführlicher Darstellung werden diese und weitere daraus gefolgerte Hypothesen behandelt. Eine vom Autor gewünschte Synthese sieht er ״gerade in der jüngeren Musik“ angebahnt, d. i. in der neuen Musik. Das Buch ־and seine Tendenz wird verständlicher, wenn wir von zwei Einstellungen Berls Kenntnis haben. Einmal steht er ganz auf dem Boden der Neuen Musik (populär unter dem Namen Atonale Musik bekannt), derem ,,unbeirrtein Vorkämpfer“ Paul Bekker das Buch gewidmet ist. Zweitens hegt der Autor sehr lebhafte Sympathien für die Idee des Zionismus. Mag man wie immer zu den Behauptungen Berls stehen (als Jude wie als Musiker kann man an zahllosen Stellen Widerspruch erheben), so wird man doch sein Buch mit großem Interesse, wenn auch nicht allzu leicht lesen. IV. Friedrich Gernsheim. Lehen und Werk, von Karl Holl. (Breitkopf und Härtel, Leipzig.) Holl gibt eine ausführliche Biographie des liebenswürdigen, einst hochberühmten, heute fast vergessenen Meisters, der 1839 in Worms geboren, 1916 in Berlin verstorben, zuerst als Pianist, dann als Dirigent, Lehrer uncl Komponist die höchsten Ehren genoß. Der zweite, umfangreichere Teil des Buches würdigt Erscheinung nnd Werk des Künstlers in durchdachten Analysen. Mehrere interessante Abbildungen, darunter eine Radierung von Hermann Struck als ,Titelbild, zieren das lesenswerte Buch. Leon Kornitzer.

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