Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Gebet und Zauberspruch
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
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458 haben es uns erzählt, ein großes Werk hast du in ihren Tagen voll־ bracht, in den Tagen der Vorzeit“ Ps 442, wir aber haben es mit unseren Augen nicht gesehen“. Darauf kam Regen1. In der Berufung auf Gottes frühere Wohltaten und Gnaden־ erweise offenbart sich das historische Element der jüdischen Fröm־ migkeit. Ein Musterbeispiel dieser Gebets weise ist Esras Gebet nach der Rückkehr aus der Verbannung; es beginnt mit der Erinnerung an die Weltschöpfung und durchläuft die ganze Geschichte Israels: ,,Du hast den Himmel geschaffen . . , die Erde . . , das Meer . . Du bist es, der Abram erwählt.., Wunder und Zeichen an Pharao getan .., und das Meer vor ihnen (den Israeliten) gespalten und in einer Wolkensäule sie geführt bei Tage und in einer Feuersäule bei Nacht . . Und auf den Berg Sinai bist du hinabgestiegen . . und deinen heiligen Sabbat hast du ihnen kundgetan und ihnen Gebote, Satzungen und Gesetz durch deinen Diener Mose anbefohlen/' Neh 96ff. Diese Gebetsweise hat das Christentum vom Judentum übernommen, sie tritt uns in der Idealliturgie des achten Buches der apostolischen Konstitutionen entgegen: ,,Du hast das Himmelsgewölbe befestigt und Tag und Nacht eingerichtet, das Licht herausgeführt aus den Schatzkammern . . . Aber nicht nur dieses. Das Opfer Abels nahmst du an . . . Du bist es, der den gerechten Noe aus der Flut gerettet hat, Abraham zum Erben der Welt erhoben, Isaak zum Sohn der Verheißung . . , Jakob zum Vater von zwölf Söhnen gemacht . . , die von den Aegyptern geknechteten Hebräer nicht gering geachtet . . . Du hast sie befreit und die Aegypter gezüchtigt . . , deinen heiligen Diener Mose erweckt . . , durch ihn das geschriebene Gesetz gegeben . . , das Meer teilend, hast du Israel hindurchgeführt . . , mit Holz bitteres Wasser versüßt, eine Feuersäule nachts zur Beleuchtung und eine Wolkensäule am Tage zur Beschattung aufgerichtet . . und den Jordan auseinandergerissen. Für dies alles sei dir, allmächtiger Herrscher, Preis2/‘ Der Nachhall dieser auf Heilstaten und Gnadenerweise der Vergangenheit sich berufenden Gebetsweise ist in der ganzen alt christlichen Literatur wahrnehmbar. Noch Luther gibt die Gebetsanweisung: Wenn wir schreien: ,,Herre Gott, hilf mir in dieser Not“ und die Erlösung folget sobald nicht, also soll man aufsuchen alle Exempel der Väter: ,,Sieh doch, lieber himmlischer Vater, wie du zu allen Zeiten deinem Volke beigestanden hast“, und soll ihm die Exempel allerlei Erlösung vorhalten3! . 2. Die Berufung auf die Gebetserhörung in der Vergangenheit tritt uns nicht nur im Preis-, sondern auch im Bittgebete entgegen. So wurden bei den öffentlichen Fasten in der Zeit der Regennot zwischen die siebente und achte Benediktion des Achtzehngebetes noch sechs weitere Benediktionen eingeschoben. Der Schluß der für diese Gelegenheit abgeänderten sechsten Benediktion lautete: ,,Der Abraham auf dem Berge Moria erhört hat, möge euch erhören und die Stimme eures Rufens vernehmen!“ Nach dem gleichen Schema 1 Taan. 24b. 2 Heiler, Bas Gebet, München 1918, 372 f. 3 Heiler, 307.