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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 5 · p. Seite 395

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 5
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 395 (sequence 1)
Language
German
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395 Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutschösterreich, herausgegeben von der Historischen Kommission der Israelitischen Kultus־ gemeinde in Wien, IX. Band: Die Hebräische Publizistik i n W i e n, in drei Teilen, I. Teil von B,e rnhard Wachstein, II. Teil von J. T a g 1 i c h t, III. Teil von Alexander Kristianpoller, Wien 1930, Selbstverlag der Historischen Kommission, Seiten: I. Teil G -P 296, II. Teil X + 41, III. Teil X 4105 ־, Generalregister SS. 15. Dieses Werk enthält weit mehr, als der schlichte Titel besagt. Es behandelt in drei Gruppen die in der Zeit von 1821—1889 in Wien herausgegebenen Zeit- und Sammelschriften, die unter dem Einfluß der Mendelssohnschen Ideen stehend die Aufklärung aus dem Norden Deutschlands nach Oesterreich, Galizien, Polen und Rußland tragen und gewissermaßen den Schwerpunkt dieser Bestrebungen vom Norden nach dem Osten verschieben. Die erste Gruppe wirbt direkt für diese Ideen und vertieft sie in jüdischem Sinne; die zweite geht mit den gewonnenen neuen Erkenntnissen an die wissenschaftliche Behandlung des talmudischen Schrifttums heran, die dritte wendet sich mit ihren Bestrebungen mehr an Laienkreise und mündet zuletzt in jüdisch nationale Gedankengänge ein. Die Zeitschriften, um die es sich hierbei handelt, haben zum größten Teil in der jüdischen Literatur einen guten Klang: Bikure ha-Ittim, Kerem Ghemed, Kochbe Jizchak, Beth ha-Midrasch, Beth Talmud, ha־Schachar — man braucht nur diese Namen zu nennen, um jedem Kenner der jüdischen Wissenschaft begreiflich zu machen, daß es hier um literarische Erscheinungen geht, denen die besten Gelehrten des vorigen Jahrhunderts ihre Mitarbeit geliehen hatten. Alle diese Mitarbeiter sind unter kurzen Personalangaben mit ihren für die Zeitschriften gelieferten Beiträgen in alphabetischer Ordnung zusammengestellt. Editionen sind noch besonders geordnet, ebenso Uebersetzungen nach der Landesherkunft der Autoren. Ein Generalregister der Autoren schließt ab. Jeder Gruppe geht eine Einleitung voraus, die erste und umfassendste von Wachstein, die zweite von T a g 1 i c h t, die dritte von Kristianpoller. Diese Einleitungen bieten eine Geschichte der H as kal a, der Nach-Mendelssohnschen hebräischen Aufklärungsperiode im Osten, von Wachstein mit all der meisterhaften wissenschaftlichen Gründlichkeit, Vertiefung und Einfügung dargestellt, die wir von ihm gewohnt sind, und von seinen beiden Mitarbeitern in würdiger Weise ergänzt. Wach stein zeigt zunächst am Inhalt der Bikure ha-Ittim, wie diese Maskilim sich an den Ideen Mendelssohns und an der deutschen Literatur jener Tage orientieren, wie sie stark von vaterländischem Geist und allgemeiner Menschenliebe sowie von der Freude an der Natur erfüllt sind, Gefühle und Empfindungen in Ghetto-Kreisen, die in der Tiefe schlummerten und jetzt überall in diesen Ländern durch die Maskilim geweckt werden. Die Bikure ha-Ittim sind eine Wiederholung des Meassef auf Wiener Boden, aber durch das hier noch vorhandene lebhafte Interesse an der hebräischen Sprache wirksamer als in Berlin, woselbst dieses Interesse bereits verschwunden war. Schöngeister, Reformer, Dichter, Bibelkritiker, Historiker, Uebersetzer, Editoren, alle kommen zu Wort, alle vereint durch das Band der hebräischen Sprache, die sie aufrechterhalten und pflegen wollen, wie durch das Bestreben das Neue nicht in Gegensatz, sondern in Verbindung zum Alten zu stellen. Dadurch werden sie allmählich zu Forschern, die sich dem Studium der jüdischen Vergangenheit in ihrer Geistesgeschichte zuwenden, den reinen Glauben des Judentums herauszuschälen suchen, Glauben und Wissen, dieses alte Problem, aufs neue behandeln und sich gegen alle Strömungen wenden, die wie die starre Ghettogläubigkeit oder wie der Chassidismus einseitige religiöse Ent- Wicklungen darstellen. Dieser Charakter tritt besonders noch nach dem Eingehen der Bikure ha-Ittim im Keren-Ghemed hervor, sowie in den Zeitschriften, die diese wieder ersetzen sollen, im Ozar Nechmad, Kochbe Jizchak usw. Wenn wir nur die Größten unter den Mitarbeitern an diesen Zeitschriften nennen, Dukes, Geiger, Rapoport, Reggio, Luzzatto, Jellinek, Krochmal, Senior Sachs, Steinschneider, Stern, Josef Weiße, so sind das nur Führer einer großen Zahl von ausgezeichneten Gelehrten, von denen jeder Einzelne etwas Besonderes zu bieten hatte. Man muß lesen, wie Wachstein sie alle charakterisiert, wie er in ihren Beiträgen die allmähliche Entwicklung der Haskala analysiert, wie er aus den kleinen Mosaiken das große Gesamtbild zusammenstellt, um immer wieder die Kunst des Meisters zu bewundern.

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