Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Materialien zur Geschichte der Juden in Italien [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 3)
- Language
- German
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394 wirtschaftliche Entwicklung Bedeutung gewonnen hatten, bei erheblicher Beschränkung ihrer Rechte in größerer Zahl aus dem Kirchenstaat auswandern könnten. In der Tat erwies sich diese Befürchtung als gerechtfertigt. Die Auswanderung bedrohte die Wirtschaft des Kirchenstaates und den Bestand der.jüdischen Gemeinden. Um deren völlige Verarmung zu verhüten, ordnete die päpstliche Regierung 1926 an, daß die Auswandernden 2y2% ihres Vermögens an die Gemeinde abgeben mußten1. Wie schwer z. B. die Gemeinde Ancona unter dieser Auswanderung gelitten hat, zeigt H. Rosenberg in der Einleitung der von der Gemeinde veranstalteten Ausgabe von Schriften der beiden Anconitaner Rabbiner David Abraham Vivanti und Isaac Raphael Tedeschi2. Das Buch ist eine Jubiläumsschrift. Vivantis Predigten und Tedeschis kleine Abhandlungen gewähren einen Einblick in die geistige Ein- Stellung dieser beiden Männer, die während eines Zeitraums von 80 Jahren das Rabbinat in Ancona bekleidet haben. Einen ganz andern Charakter trägt Ceeil Roths Veröffentlichung von Aufzeichnungen eines gewissen Joseph da Modena in Siena in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts3. Geschäftliche und familiäre Streitigkeiten machen den wesentlichen Inhalt dieser Aufzeichnungen aus, geistige Interessen liegen dem Verfasser fern. Aber mit Recht weist Roth darauf bin, daß die Bedeutung dieser Memoiren darin liegt, daß sie uns das Leben im Ghetto auch in seinen kleinlichen und unerfreulichen Zügen kennen lehren. Selbst von Schlägereien und Diebstählen berichten die Aufzeichnungen, deren Verfasser einmal dem Richter gegenüber die bezeichnende Bemerkung gemacht hat, daß alle Juden einander Böses wünschen. Das Wort wird nicht buchstäblich zu nehmen sein, wie überhaupt Roth mit Recht bemerkt, daß der griesgrämige Schreiber für alles Widrige, das ihm zugestoßen ist, die Schuld niemals bei sich selbst, sondern stets bei anderen sucht. Von besonderem Interesse ist der Bericht über einen Bann des römischen Rabbinats, den in einem Zivilstreit eine Partei erwirkt hat. Der Bericht über die mit polizeilicher Hilfe bewirkte Verkündigung des Bannes, über die vorherige Flucht der meisten Anwesenden aus der Synagoge wäre ergötzlich, wenn er nicht beschämend und unerfreulich wäre. Für die Kultur- und Sittengeschichte eines italienischen Kleinstadtghettos ist Roths Veröffentlichung sehr charakteristisch. Breslau. __ Fiermann Vogelstein. ProL Guido Libertini: Epigrafe giudaico-latina rinvetiuta a Catania. Aus den Atti della Reale Academia delle Science di Torino. vol. LXIV. 1929. Bei den Arbeiten für Telephonkabel trat in Catania im Mai 1928 ein lateinisch-hebräischer Grabstein hervor, der nunmehr die Gewißheit gibt, daß im 4. Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung bereits Juden in Catania ansässig gewesen sind. Bisher hatte man davon keine unmittelbare Nachrieht; lediglich eine Notiz im Leben der heiligen Agatha wies auf die An- Wesenheit der Juden in dieser sizilischen Stadt. Die Inschrift ist deshalb besonders interessant, weil die erste Zeile hebräisch, die übrigen lateinisch sind; Aurelius Samuel bittet die Nachwelt, daß man ihm seine Grabesruhe lasse und keinen anderen Körper in sein Grab und das seiner Frau hinein tue. Die Zusammenstellung der beiden Namen weist darauf hin, daß die Juden zum Dank für Garacalla, der ihnen, wie den übrigen Bürgern des römischen Reiches, im Jahre 212 das Bürgerrecht gab, seinen Familiennamen als Vornamen angenommen haben. Gänzlich dunkel erscheint der Name der Frau, der in genitivischer Form Lasiferi lautet. Das Latein der Inschrift ist stark verderbt, aber die Datierung, da die Konsulatsjahre angegeben werden, durchaus sichergesteilt. Der neue Fund ergänzt in wertvoller Weise unsere Kenntnisse von Grabinschriften der ausgehenden Kaiserzeit, wie sie vor allem von Bees in seinem Buche: Die Inschriften der jüdischen Katakombe am Monteverde zu Rom, gesammelt worden sind. Willy Cohn. 1 s. Vogelstein-Rieger, Geschichte der Juden in Rom II 362 f., Loevinson a. a. O. S. 14, Rosenberg, Saggio etc. (s. nächste Anm.) p. XIV. 2 Saggio degli scritti degli eccelentissimi Rabbini David Abraham Vivanti di v. m. ed Isaceo Raffaele Tedeschi di v. m. Publicato a cura della Universitä israelitica d’Ancona. Casale Monferrato 1929. 3 Ge eil Roth, The Memoirs of a Siennese Jew (1625—1633) in Hebrew Union College AnnuaL vol, V (1928) p. 353—402י