Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hebräische Fragmente aus dem jüdischen Urtext der Apokalypse des heiligen Johannes
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 18)
- Language
- German
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Schmutz: bei all denen, die die Thora nicht angenommen haben1 2 3. Es ist ebenso bezeichnend, daß gerade an Rabbi Jochanan im rabbinischen Schrifttum ein Ausspruch geknüpft wird, den nach evangelischer Tradition Jesus getan hat. Rabbi Jochanan spricht: Was bedeutet : Es war eine Zeit, als man die Richter richtete? — Sagt man zu jemandem: ,,Nimm den Splitter aus deinen Zähnen"; so antwortet er: ,,Nimm den Balken aus deinen Augen" יוחנן מאי הכתיב ויהי בימי שפוט השופטים א״ל טול קיסם מכין שניך, א״ל 2טולקורה מבין עיניך. Es ist eigentümlich, daß das himmlische Jerusalem, das im Talmud nur Rabbi Jochanan kennt, im Neuen Testament auch außerhalb der Apokalypse zweimal vorkommt, nämlich in den paulinisehen Briefen (Gal 426, Hebr 1122)• Rabban Jochanan ben Sakkai war nicht nur theoretischer Mystiker, dessen eschatologische Weissagung von Rabbinen und Christen rezipiert wurde. Wir wissen von einem Falle, daß er sich im Voraussagen von Vorkommnissen in unmittelbarer Zukunft betätigte, wobei ihm Wahrsager aus hellenistischem und sogar polytheistischem Lager entgegengestellt wurden. Im Talmud wird berichtet, Rabban Jochanan habe vor den Toren Jerusalems dem römischen Feldherrn Vespasian seine künftige Imperatoren■־ kröne vorausgesagt. Bei dieser Gelegenheit versprach ihm Vespasian die Patriarchenfamilie Gamliels zu schonen und Jabne als Sitz einer rabbinischen Hochschule zu gestatten5. Diese divinatorische Leistung, die für das rabbinische Judentum von weitgehender Tragweite war, verschaffte Rabban Jochanan Nebenbuhler in den verschiedensten Lagern. Josephus Flavius behauptete von sich, er sei es gewesen, der dem nachmaligen Herrscher Roms die Kaiserwürde von vornherein kündete4. Und die syrische heidnische Sage erklärt, nicht der große Rabbi von Jerusalem und Jabne, sondern ein polytheistischer Priester, Basilides, der zu Ehren Vespasians auf dem Karmelberge opferte, habe Vespasian seine zukünftige Würde geweissagt5. Auch in anderer Hinsicht war Rabban Jochanan ein Vorbild für viele. Eine Familie im späteren Jerusalem beispielsweise, die vom Hohepriester Eli abstammte, benannte sich nach ihm6. Alle diese einzelnen Ueberlieferungen zielen auf das* gleiche ab; sie zeichnen das Bild des großen Mystikers Rabban Jochanan ben Sakkai. Diesem Bilde entspricht es, wenn wir ihm als den Autor einer eschatologischen Schrift betrachten, die später in christliche Hände geriet und heute den Namen eines christlichen Apostels trägt. 1 Jebamoth 103; ygl. Sabbath 146a. 2 Baba Mezia 30b. 3 Güttin 56b; Esther Rabba I. 4 Josephus, Bellum III 8, 9. 5 Taeitus, Historiae II 8. 6 Jebamoth 105a.