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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 313

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 313 (sequence 1)
Language
German
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313 Ditlef Nielsen: Der geschichtliche Jesus. Aus dem Dänischen übersetzt von Hildebrecht Hommel. XXYII und 236 S. mit 28 Bildtafeln. Meyer und Jessen Yerlag, München. Kart. 5,80 Mk., Glanzleinenband 50,ל Mk. Von dem Dänen Ditlef Nielsen liegt eine in Einfachheit und Stil der Darstellung vorzügliche, für jedermann leicht lesbare volkstümliche Geschichte des Lebens und Wirkens Jesu vor. Nielsen beschränkt sich ganz bewußt und absichtlich auf die Beschreibung des geschichtlichen Jesus, d. h. auf das Wenige, was wirklich geschichtlich verbürgt aus dem Leben Jesu ist; er verzichtet auf jeden Versuch, subjektiv sich in die Seele einzufühlen und so zu schildern was in ihr etwa vorgegangen sein mag, um Werden und Reifen dieser so gearteten und wirkenden Persönlichkeit zu ergründen. Beschränkung auf das wirklich Erweisbare ist das Kennzeichen des Willens, der zu diesem Buche und seiner Anlage führte. In vielem ist er geglückt, nicht in allem. Vorzüglich gelungen ist der Nachweis, daß das Dogma des Christentums ganz und gar aus der Gedankenwelt des Heiden Christentums geflossen ist, so daß also auch in der Stellung zu Jesus zwischen Urchristentum und Heidentum eine scharfe Scheideiinie zu ziehen ist. Die Verurteilung und Hinrichtung legt er völlig zu Lasten der Römer, und gegenüber den schon mit den ersten Evangelienredaktionen einsetzenden Versuchen, Pilatus zu entlasten und ihn womöglich zum Verleidiger und Fürsprech Jesu zu erheben, erinnert er mit Nachdruck und Geschick an die vielen Justizmorde, die Pilatus auch sonst auf dem Gewissen hatte. Nielsen nimmt bei seiner Darstellung der letzten Tage Jesu stark Bezug auf Dr. Robert Eislers neue, auf die Ausdeutung eines kürzlich entdeckten Textes des slawischen Josephus sich stützende Hypothese, nach der Jesus als zur Zelotenpartei gehörig an einem ausgesprochen nationalen Aufruhr teilgenommen, oder einen solchen geleitet habe. — Der Mangel des Nielsenschen Buches ist die einseitige Befangenheit in der überlebten Wellhausenschen Theorie. Von den Pharisäern weiß er nichts anderes zu berichten, als daß sie seien ,,eine Volkspartei, die die vielen äußerlichen jüdischen Gesetzesgebote noch zu verschärfen strebten“. Das Judentum jener Zeit ist ihm nach dem bekannten Schema ein fossiles Gebilde, erst mit Jesus beginne ein Gefühl der Gotteskindschaft, erst bei ihm finde sich ein gläubiges Vertrauen auf Gott, vor ihm sei den Juden ,,Gott ein kompliziertes Gebilde mit unendlich vielen Eigenschaften gewesen, und viele Gebote strahlten von ihm aus, erst Jesus entdeckte, daß er nur eine Eigenschaft habe, die Liebe, und nur ein Gebot erläßt, das Liebesgebot“, vor ihm sei den Juden Gott ein Nationalgott gewesen, erst mit ihm wird er der Gott aller Welt. Wir kennen dieses Schema, es ist wirklich nicht mehr notwendig, gegen es anzukämpfen, es ist bereits erledigt; wenn es bei Nielsen noch lebt, ist es dort, um mit ihm zu reden, ein ,,fossiles Gebilde“. Sehr umfassend können Nielsens jüdische Kenntnisse nicht sein, er nennt das Sch’ma ein jüdisches ״Gebot“, gibt ihm auch einen weiblichen Artikel ,,die Sch’ma“. Ganz merkwürdig ist seine Einordnung Jesu in die Reihe der Friedenskünder. Er begnügt sich nicht damit, etwa auf Jes 2 und Micha 4 hinzuweisen; er will im ganzen Orient ein durchgehendes Sehnen nach Frieden konstatieren, und als dessen Exponenten sieht er auch die Stifter der großen Weltreiche des Orients an. Alexander der Große als Friedensfürst 1 Die pax romana der Kaiserzeit in Analogie als Ausdruck der religiösen Sehnsucht nach Frieden gefaßt, welcher Irrweg! In seinem Bestreben, solch eine einheitliche Linie eines Gedankens in der Antike festzustellen, gerät er in den Irrtum, die semitischen Völker in ihrer Gesamtheit als eine mit besonderer Begabung für das Religiöse ausgestattete Einheit zu betrachten, innerhalb deren dann die Juden letzte Etappe auf dem Wege sind, dessen Gipfel zu Jesus führt; er sieht nicht, daß innerhalb der semitischen Völker die Juden, auch bei noch so vielen Berührungspunkten und bei aller Verflochtenheit mit Kultur und Denkform des damaligen Orients, einen grundsätzlich anderen Typus der Religiosität darstellen, daß sie nicht einfach Endprodukt einer Entwicklung sind, sondern ein geradezu revolutionäres Anderes. Nicht zuzustimmen vermag man schließlich dem Kapitel ״Jesus als Gesellschaftserneuerer“; es geht nicht an, die Arbeit an den sozialen Aufgaben der Gegenwart auf die von Jesus ausgehenden Auftriebe der Seele zurückzuführen, allzusehr erinnert das an jene Versuche, Jesus als Sozialist oder Kommunist zu zeichnen. Wie wenn es Jesus darauf angekommen wäre, eine Gesellschafts- Ordnung aufzustellen oder für sie Gesetze zu finden I Das eben war jajdas

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