Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine kabbalistische Erklärung der Prophetie als Selbstbegegnung
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 1)
- Language
- German
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285 Eine kabbalistische Erklärung der Prophetie als Selbstbegegnung. Von Dr. Gerhard S ch 0 1 e m in Jerusalem. Unter den kabbalistischen Lehren, deren Durchdringung der bisherigen Forschung besondere Schwierigkeiten gemacht hat, darf besonders auch die zuerst im Sohar klar dargelegte Lehre vom Zelem1 als der besonderen individuellen geistigen Wesensgestalt jedes Menschen, hervorgehoben werden. Aber nicht die Einzelheiten der Zelemvorstellung des Sohar sollen hier dargelegt werden, sondern ich möchte auf eine merkwürdige, bisher gar nicht beachtete Motiv- Verknüpfung hinweisen, die mit ihr zusammenhängt. Obwohl es im Sohar nicht ausdrücklich angegeben wird, darf als sicher behauptet werden, daß die Vorstellung vom Zelem als einem besonderen seelischen Prinzip (außer den drei die alte kabbalistische Psychologie beherrschenden Elementen der Seele: Nefesch, Ruach und Neschama) bestimmt war, den entscheidendsten Einwand gegen die Lehre von der Seelenwanderung zu entkräften. Es ist bisher meines Wissens noch nicht darauf hingewiesen worden, daß selbst ein so reiner Mystiker wie Isaak ihn Latif, der zu einer Zeit schrieb, als der Sohar noch nicht veröffentlicht war, sich nachdrücklich gegen die Lehre von der Seelenwanderung erklärt, obwohl sie doch eine zweifellos allen bekannten Kabbalisten gemeinsame Lehre schon damals war. Er bezeichnet sie als eine häretische Lehre2, und widerlegt sie in seiner Sammlung mystischer■ Aphorismen und Paradoxe S. raw pealim3 eben aus der Argumentation heraus, daß mit der Annahme der Seelenwanderung das notwendige principium individuationis jedes einzelnen menschlichen Daseins hinfällig würde4. Als Ibn Latif dies schrieb, wußte er zweifellos nichts von einer damals wohl nur erst in engen Konventikeln verbreiteten Lehre vom Zelem, als eben diesem principium individuationis, das im Unterschied zu den erwähnten Seelenteilen nicht der Seelen Wanderung unterliegt, sondern vielmehr, wie der Sohar an mehreren Stellen in mythologischen Bildern darstellt, mit jedem Dasein neu, im Moment der Empfängnis in den Samen eingehend, sich gestaltet5. 1 Der Terminus technicus des Sohar ist צולמא, vgl. die Haupts teilen III 43a und III 104h, aber auch III 13b. Ausdrückliche Beziehung auf Genesis 127 liegt nicht vor, nur in der beide Male gebrauchten Wendung בההוא צולמא אתברי ברנש könnte ein Hinweis darauf gefunden werden, daß jenes Zelem, in dem der Mensch geschaffen wird, eben auch mit jenem zusammenhängt, in dem er am Anfang geschaffen wurde. 2 Er sagt כבר בטלה הפקדת הגלגול .,die häretische Lehre vom Gilgul ist damit hinfällig“. 3 Ed. Schönblum, Lemberg 1885 — eines der merkwürdigsten Bücher der mystischen Literatur, dem der von Schönblum beigegebene Kommentar an vielen Stellen in keiner Weise gewachsen ist! Die Stelle über den גלגול ist § 21. . 4 Er drückt das in folgender Argumentation aus: הצורות כל אחת נבדלת מחברתה אלא שהן נכללות כדמיון השכל והחומר כדמיון השעוה והצורה כדמיון החותם אסכ כל צורה הבאה לעולם היא חדשה כי הדומה לזה אינו וה. 5 Im Sohar wird an den betreffenden Stellen nicht von der Seelen- Wanderung gespro? he ik aber der große Nachdruck, mit dem (besonders III 104b)