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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 255

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Biblische Kleinprobleme
Date
1930-01-01
Page
Seite 255 (sequence 2)
Language
German
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255 und ob überhaupt eine der beiden Erzählungen die wirkliche Entstehung des geflügelten Wortes gibt und wahrscheinlich sind ja beide Berichte nur Entwicklungen einer äthiologischen Sage, die den im Volke lebenden Spruch aus der Geschichte Sauls in Verbindung mit dem Seher und Propheten Samuel erklären will. So charakterisiert z. B. Greßmann, Die älteste Geschichtsschreibung und Prophetie Israels, II. Auflage, S. 82 f. beide Ausgestaltungen der Sage folgendermaßen: Die Erzähler haben es (das geflügelte Wort) aufgegriffen und hier (1922 ff.) wie 109-12 zu erklären versucht. Während dort das Wort nebenbei eingeflochten ist, ist es hier der Hauptpunkt der ganzen Anekdote. Der Sinn ist hier : Auf der Verfolgung hinter David her ist Saul auch unter die Propheten geraten. Statt seinen Widersacher, dessen Aufenthaltsort er glücklich erfahren hat und den er schon so gut wie gefangen glaubte, heimzuholen und gebührend zu bestrafen, wird ihm selbst sehr übel mitgespielt. ... So spottet der Erzähler über den unbeherrschten Herrscher und belustigt sich an der Art, wie ihm sein Gegner entwischt. Diese Anekdote, in der Saul wenig Achtung widerfährt, konnte erst verhältnismäßig spät entstehen, erst als man den glücklicheren David auf Sauls Kosten zu verherrlichen begann. Die ältere Sage 10912־ dagegen hat einen ganz anderen Charakter. Für sie ist der König noch nicht zum Gelächter geworden, er gilt im Gegenteil als ein willenloses Werkzeug der Gottheit. Sein Zusammentreffen mit den rasenden Propheten wird als eine besondere göttliche Fügung betrachtet. . . . Allerdings setzt die verwunderte Frage eine Geringschätzung der ,,Derwisch-Orden<f voraus: ,,Wie kommt ein so vornehmer Mann, . . . in eine solche hergelaufene Gesellschaft?“ Ein anderer gibt seine Verachtung der Propheten noch offener zu erkennen: Wer ist denn ihr Vater? Er verspottet sie als Gesindel, das keinen Vater hat . . . Nun sind aber beide Erzählungen erfunden, da sie die Entstehung des geflügelten Wortes nicht glaubhaft zu erklären vermögen . . . Die vorliegende Anekdote scheidet schon wegen ihrer Jugend aus, aber auch die ältere Sage kann nicht als geschichtlich in Betracht kommen; denn sie bezieht das Wort fälschlich auf ein Erlebnis des einzig in seinem Dorfe angesehenen Bauernsohnes. Das Wort konnte aber zu einem geflügelten naturgemäß nur dann werden, wenn es sich an das Leben eines allgemein bekannten Mannes knüpfte .... Um es zu erklären, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Wahrscheinlich hängt es mit irgendwelcher Teilnahme des Königs für die Propheten-Derwische zusammen, wie er ja auch mit den Totenbeschwörern zusammengebracht wird (K. 28); so wird man dem Wortlaut am ehesten gerecht . . . und so haben es auch die beiden Erzähler aufgefaßt, die im allgemeinen wohl auch das richtige getroffen haben, wenn man ihnen auch im einzelnen nicht glauben darf. Die andere Möglichkeit, das Wort von der Krankheit selbst, den pathologischen Aeußerungen der Verzücktheit abzuleiten, ist darum abzulehnen.“ Diese Beurteilung der beiden Sagen — wie ähnlich auch das Urteil anderer Gelehrter, die zu ihnen Stellung genommen haben, —

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